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Armin Thurnher: Der Übergänger. Roman : Nur den Ungläubigen ist Verehrung möglich

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Bild: Verlag

Armin Thurnher, sonst eher bekannt für seinen Wiener Schmäh, verbeugt sich in seinem Brendel-Roman „Der Übergänger“ tief vor dem großen Pianisten.

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          Irgendetwas läuft schief. Auch beim besten Willen auf beiden Seiten können der Verehrer und der Verehrte nicht zusammenkommen. Terminkalender spielen nicht mit, Telefonate missglücken, Hindernisse aller Art stellen sich in den Weg, von „Trenn- und „Verhinderungsteufeln“ gar ist die Rede. Der Verehrte und Verfehlte ist Alfred Brendel, der verfehlende Verehrer Armin Thurnher. Der bekannte Wiener Journalist und politische Schriftsteller zeigt gewitzt und vergnüglich, wie sich aus solcher an Slapstick grenzender „Verfehlungsgeschichte“ ganz von selbst ein veritabler Roman entwickelt. Nicht nur das „Brendelbuch“, das der Verleger anregt und die Mutter immer wieder zweifelnd anmahnt, nicht also ein ausgewalztes Interview mit musikalisch-biographischen Lektionen, sondern unversehens ein quicklebendiges Stück wohlorganisierter Literatur.

          Natürlich gehört auch Thurnher, der Erzähler, der sich um die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit wenig schert, zum Kartell der Wiener Schmähjournalisten. Satire und Wortwitz gehen ihm leicht von der Hand, die Wiener Gesellschaft gibt eine dankbare Zielscheibe ab. Jetzt freilich geht es um Verehrung, einen regelrechten „Brendel-Tick“, und Verehrung ist schwierig, darf jedenfalls nicht umstandslos daherkommen. Nur Ungläubigen ist Verehrung möglich, Gläubige hingegen haben nur Lachen und Kriege – mit dem kryptischen Leitzitat hält sich der Erzähler das Simpel-Affirmative vom Leibe. Deshalb also Umwege, ja „Verfehlungen“, bis hin zur Maxime, die Verehrung bestehe geradezu in der Verfehlung: „Ohne Verfehlung keine Verehrung.“ Wir verstehen: auch heute noch ist ein Ideal nicht einfach zu haben.

          Genie-Kult mir Augenzwinkern

          Wir nehmen aber auch wahr: Einen Genie-Kult gibt es hier nur mit Augenzwinkern. Als Brendel selbst davon hört, dass das Buchprojekt, das man ihm widmen möchte, den Titel „Die Verfehlung des Alfred Brendel“ tragen soll („aber natürlich ist nicht seine gemeint, sondern meine“), reagiert er ebenso neugierig wie besorgt und denkt sofort, andere Verfehlungen kommen gar nicht in Betracht, an Missgriffe am Klavier, sei er doch bekannt dafür, „nicht immer alle Tasten zu treffen“. Ein „Pamphlet“ also? „Ich verfehle Sie, Sie verfehlen nichts“, beteuert Armin Thurnher, dem sein Einfall und seine „Verfehlungswut“ zu Recht gefällt.

          Die Zeit der Verfehlungen nutzt er, um seine Verehrungs-Kompetenz nachzuweisen. Auch er hat es am Piano, dank eines Lehrers von besonderer Qualität, zu bescheidenen Fähigkeiten gebracht, zu spät allerdings und von der Frage „Willst du Klavierlehrer werden?“ in engen Grenzen gehalten. Immerhin erleben wir den tüchtigen Amateur („Üben hilft“) im Zusammenspiel mit Profis, die sich ihre chinesische Höflichkeit nicht nehmen lassen: „Tan’s net komponieren, Herr Doktor.“ Auch sonst ist Musikalisches an der Tagesordnung.

          Kanzlerbuch betreut

          In Konzerten, Artikeln und Gesprächen
          lässt der Erzähler sein Bescheidwissen spielen – bis zum „zweiten Vorschlag im ersten Thema des ersten Satzes“ in Mozarts a-Moll-Sonate. Neben dem Grundkurs Piano kann der Verehrer aber auch noch ein politisches Schwergewicht in seine Waagschale legen. Thurnher hat just ein Kanzlerbuch betreut und darf nun auf den „roten Kanzler“ zählen. Gemeint ist Alfons Gusenbauer, der sich als Brendel-Fan entpuppt und als gebildeter und ordenspendender Begleiter in den letzten Konzerten Brendels eine gute Figur macht, natürlich zum hocherwünschten Missfallen des „schwarzen Blocks“.

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