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Ariel Magnus’ Schachroman : Er ist uns immer genau einen Zug voraus

Wer steht auf dem Brett und wer sitzt dahinter? Egal, befindet Ariel Magnus, Hauptsache spielen. Bild: Picture-Alliance

Erst zieht Zweig, dann Borges: Ariel Magnus schreibt die Schachweltmeisterschaft von 1939 in Buenos Aires um.

          Die besten metafiktionalen Geschichten, also die, in denen die Erfundenheit der Geschichten selbst zum Thema wird, zögern ihre Enthüllung so lange hinaus, bis man, sich sicher und geborgen wähnend, die Beine hochlegt, um dann einer Gewissheit nach der anderen entledigt zu werden. Dennoch hat es ein Roman zum Klassiker der Metaliteratur gebracht, der mit den Worten „Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen“ beginnt. Bei Calvino erschien das Spiel mit dem Fiktionalen mühelos. Die offenen Karten auf dem Tisch immer wieder neu zu ordnen ist Metafiktion für Fortgeschrittene.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          An die Tradition des Spiels mit dem Leser knüpft der Argentinier Ariel Magnus in seinen auf Tagebucheinträgen seines Großvaters basierenden Roman über die Schachweltmeisterschaft in Buenos Aires im Jahr 1939 an, die mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zusammenfiel. Der Erzähler erläutert das Vorgehen in einer „Vorwarnung“: Der Roman sei von der ersten bis zu letzten Zeile ein Werk der Fiktion, und sollte er doch einmal aus der historischen Wirklichkeit zitieren – schließlich liegt ein öffentliches Großereignis zugrunde –, werde es im Text gekennzeichnet, jedenfalls hin und wieder, denn es gehe natürlich auch darum, die Geschichte neu zu schreiben: kontrafaktisch, gewissermaßen.

          Collagen aus Tagebucheinträgen

          Die eigentliche Handlung, die eine Woche vor dem Beginn der Schacholympiade und wenige Wochen nach dem Eintreffen von Heinz Magnus, dem vor den Nazis geflüchteten Großvater des Autors, in Argentinien einsetzt, beginnt mit den ersten Absätzen aus Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Referenzen und Charaktere aus der Novelle, literarische Schachbezüge von Jorge Luis Borges bis Edgar Allan Poe, Collagen aus Tagebucheinträgen, Medienberichte in argentinischen Zeitungen und Biographien der Schachspieler setzen den Rahmen.

          Ariel Magnus: „Die Schachspieler von Buenos Aires“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018.

          Als in Buenos Aires schon die ersten Schachpartien geschlagen waren, griffen die Deutschen Polen an. Unter den Teilnehmern breitete sich eine Stimmung des Misstrauens aus, die von Falschnachrichten und Konfrontationen zwischen den nun auch zu politischen Gegnern gewordenen Teams noch verstärkt wurde und sich auf die Ergebnisse des Wettkampfs auswirkte. Albert Becker, Kapitän der deutschen Mannschaft, soll sich geweigert haben zu akzeptieren, dass jüdische Spieler nicht gegen sein Team antreten wollten und erst auf Druck des argentinischen Schachverbandes hin nachgegeben haben. Schenken lassen wollten sich die Deutschen die Punkte auch nicht: Eine „Gnade der Juden“ wäre wertlos gewesen. Am Ende, das ist keine Fiktion, erlebt der Nationalsozialismus in Argentinien seinen ersten olympischen Erfolg.

          Ariel Magnus schickt also seinen Großvater los, dies zu verhindern und das Turnier zu manipulieren, damit Polen gewinnt. Dabei begegnen ihm Sonja Graf, die emanzipierte „freie Spielerin“ und spätere Vizeweltmeisterin, sowie der Sportjournalist Yanofsky, der von seiner Redaktion nach längerer Debatte zur Berichterstattung über den Wettbewerb verdonnert wird (mit dem Argument, Schachspieler wären nicht weniger ungeschlacht als Boxer), und der von Stefan Zweig entliehene und sich charakterlich selbst übertreffende Mirko Czentovic, der sich mit den Worten „Ich bin ein Schachmeister, fiktiv“ vorstellt.

          Zwiegespräche zwischen Held und Erzähler

          Die Stärke dieser merkwürdigen Erzählung liegt in der Art, wie Magnus seine Figuren entwirft in ihrer Angewohnheit, sich selbst zu sabotieren, und in den dazugehörigen Dialogen, dem Knistern zwischen Graf und dem Großvater, das seinen Höhepunkt in der Diskussion darüber findet, wer eines Abends als Erster die Bar verlässt und ob oder nicht in Begleitung. Aber auch in den imaginierten Zwiegesprächen zwischen dem Helden und seinem Erzähler, bei denen es um Übersetzungsfehler (Heinz schrieb sein Tagebuch auf Deutsch, der Autor publiziert auf Spanisch) und den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der fernen Heimat geht – ein Stilmittel, dem allerdings eine zurückhaltendere Verwendung noch besser getan hätte.

          Die Schachsimpeleien des nimmermüden Erzählers und seiner getreuen Figuren reichen von Kempelens Schachtürken, einem im achtzehnten Jahrhundert am österreichisch-ungarischen Hof für Aufsehen sorgenden Automaten, über die Rekonstruktion von Schlachten auf dem Schachbrett bis hin zu einer Aufstellung alternativer Lieblingsfiguren (sehr schön: die Heuschrecke, die nur ziehen und schlagen darf, wenn sie über eine andere Figur springen kann), und sind erstaunlich. Irgendwann regt sich aber der Verdacht, dass hier fleißig alles zusammengetragen wird, was auch Laien am Schach begeistern könnte.

          Und so kommt es unweigerlich zur Selbstanklage: „Wir sehen uns genötigt“, verkündet der Erzähler kurz vor dem Finale, „den normalen Ablauf dieses Romans zu unterbrechen.“ Das Übermaß an Zitaten und Fußnoten verstoße gegen Regeln des Romanspiels. Aber ist nicht die einzige Art, lautet sogleich die Gegenrede, Dinge vor dem Verschwinden zu bewahren, sie zu kopieren und zu reproduzieren?

          Die Dokumentation des Großvaters sei ein Zeitdokument und müsse zu Papier gebracht werden. Wenn man sich denn so sicher sein könnte, dass sich dieser an die Regeln des Tatsachenberichts gehalten hat. Wer jetzt eigentlich das vorliegende Buch geschrieben hat, soll man sich am Ende durchaus fragen. Wer es auch war, es gelingt ihm nicht ganz so mühelos wie seinem Vorbild. Aber umso unterhaltsamer.

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