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Aravind Adiga: Letzter Mann im Turm : Schande im Namen des Fortschritts

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der Inder Aravind Adiga kam vor drei Jahren in die Literatur gefegt wie ein frischer Wind. Jetzt legt der gefeierte junge Autor einen neuen Roman vor.

          Aravind Adiga hat 2008 für seinen Debütroman „Der weiße Tiger“ den Booker Prize erhalten. In diesem mörderischen Schelmenroman stellt der 1974 geborene, an amerikanischen und englischen Nobeluniversitäten ausgebildete indische Journalist mit beeindruckender Sicherheit unter Beweis, wie genau er den Geschmack einer globalisierten Leserschaft zu treffen versteht: mit prachtvoll leuchtendem Lokalkolorit, gut verträglicher Sozialkritik, einer geradlinig und spannend erzählten Story, viel Witz, sparsam dosiertem Sex und jener Form krasser Kriminalität, die viel über die Gesellschaft aussagt, in der sie sich ereignet. Kurz, der Roman ist ein herrlicher „page-turner“, bei dem auf jeder Seite die Absicht durchschimmert, dem Leser ein Bild der sozialen Problematiken des modernen Indiens zu vermitteln.

          Der weiße Tiger: das ist Bahram Halwai, dem es gegen alle Wahrscheinlichkeit gelingt, sich als in einem elenden Nest geborener Sohn eines kranken Rikschafahrers zu einem angesehenen Taxiunternehmer in Bangalore emporzuarbeiten, wobei es mancher List, einer genauen Einsicht in die Herr-Knecht-Dialektik – Diderot und Hegel lassen grüßen –, eminenter Skrupellosigkeit und vor allem einiger übler Tricks bedarf, von denen der übelste derjenige ist, dass Bahram irgendwann seinem Boss die Kehle durchschneidet und sich mit dessen Geld zum Zwecke der unternehmerischen Existenzgründung davonmacht.

          Der wilde Witz des Romans beruht darauf, dass Bahram all dies in sieben langen E-Mails dem auf Staatsbesuch in Indien weilenden chinesischen Premierminister erzählt, um ihm am eigenen Fall plausibel zu machen, was es bedeutet, in Indien Unternehmer zu sein. Das ist natürlich eine erzählerische Konstruktion von absurder Naivität; sie gibt Adiga, für den es eine Krise des Erzählens nie gegeben hat, die Möglichkeit, einen Ich-Erzähler mit der Direktheit des spontanen mündlichen Erzählens, in der zeitgemäßen Form der E-Mail, sein Leben rekapitulieren zu lassen.

          Charakterisierungen mit der Laubsäge

          Man muss all dies in Erinnerung rufen, um begreiflich zu machen, warum Aravind Adigas neuer Roman, „Letzter Mann im Turm“, eine so herbe Enttäuschung ist; so kurzweilig das erste Werk ist, so langweilig und mühsam ist das zweite. Auch in diesem von Ilija Trojanow und Susann Urban routiniert übersetzten Roman gibt es einen weißen Tiger: Dharmen Shah, der sich aus kleinsten Verhältnissen zum mächtigen Bauunternehmer in Bombay emporgearbeitet hat. Adiga modelliert ihn als fetten Immobilienhai („Shah grinste, massierte sich mit beiden Händen den Bauch“) und so brutalen wie charmanten Gemütsmenschen, von dem der Leser glauben soll, dass er „Menschen noch viel lieber“ mag als Stahl und Zement und dass er deshalb mit dem ihm eigenen „Gefühl für Fairness“ so lange wie möglich „Großzügigkeit der Gewalt“ vorzieht. Das ist zwar eine Charakterisierungskunst aus dem Geist der Laubsägearbeit, was aber nichts daran ändert, dass dieser Shah die eine einigermaßen interessante Figur in diesem langen Roman ist.

          Dharmen Shah, dessen Gesundheit durch das Einatmen einer gewaltigen Menge an Baustaub geschwächt ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, sein unternehmerisches Lebenswerk damit zu krönen, dass er in dem gering entwickelten und von Slums durchsetzten Stadtteil Vakola ein gewaltiges Hochhaus mit Luxuswohnungen errichtet. Dies soll auf dem Gelände der Vishram Society geschehen, die aus zwei maroden sechsstöckigen Wohntürmen besteht, die 1959 als Genossenschaftsbauten errichtet worden sind. Um deren Bewohner dazu zu bewegen, dem Abriss der beiden Türme zuzustimmen, unterbreitet er ihnen – „Gefühl für Fairness“! – ein großzügiges Kaufangebot, das weit über dem Handelswert liegt.

          Hier nun kommt die zweite halbwegs interessante Figur des Romans ins Spiel. Während alle Bewohner von Turm B und die große Mehrzahl der Bewohner von Turm A sofort und begeistert das ihnen relativen Wohlstand und den Umzug in schöne neue Wohnungen bescherende Angebot annehmen, widersetzt sich ein Mann in Turm A beharrlich allen Versuchen, ihn zur Zustimmung zu bewegen: Yogesh Murthy, genannt Masterji, ein pensionierter Lehrer, der in der Vishram Society als „Gentleman“ große Achtung genießt.

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