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Anton Tschechow : An den Menschen glaubte er nicht

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An Tschechows Grab Bild: dpa/dpaweb

Im heutigen Streit um den "russischen Weg" spielt Anton Tschechow, anders als Dostojewski, keinerlei Rolle. Zum hundertsten Todestag ein Blick in die Erzählungen des Dichters der Dauerkatastrophe.

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          Im heutigen Rußland ist Dostojewski zweifellos der meistpublizierte und meistdiskutierte "vaterländische Klassiker" überhaupt. Seine Wirkungsmacht beschränkt sich keineswegs auf den Unterhaltungswert seiner in Raum und Zeit weit ausgreifenden, zwischen Sex, Crime und Hysterie oszillierenden Plots, sie bezieht ihre staunenswerte Energie gleichermaßen aus dem Fundus seiner Gedankenwelt, die für Leser jeglicher politischen oder ideologischen Orientierung passende "Wahrheiten" bereithält.

          Dostojewskis Polyphonie reicht von aggressiver, nationalchauvinistischer Rhetorik über "allmenschliches" Verbrüderungspathos bis zur demütigen Zwiesprache mit Gott, und es verwundert nicht, daß er heute zwischen Staraja Russa und dem sibirischen Omsk von "Liberalen" und "Orthodoxen", von "Turbokapitalisten" und "Reformkommunisten", von "Neofaschisten" und "Nationalbolschewiken" gleichermaßen als Vordenker beansprucht, instrumentalisiert, auch vielfach mißbraucht wird.

          Dem Gedankenblitz zog er die Nachdenklichkeit vor

          Ebenso auffällig wie Dostojewskis Allgegenwart als vielzitierter Meisterdenker ist die Tatsache, daß Anton Tschechow - trotz der hohen Wertschätzung, die ihm schon immer zuteil wurde und weiterhin zuteil wird - in den lautstarken öffentlichen Auseinandersetzungen um die "russische Idee", den "russischen Weg", die "russische Zukunft" keinerlei Rolle spielt. Politiker wie Publizisten tun sich schwer, Tschechow parteilich oder weltanschaulich zu vereinnahmen, und tatsächlich sind bei ihm weder patriotische Slogans noch gar prophetische Sprüche zu holen. Wohl hat Tschechow die Kürze als "Schwester" seines literarischen Talents bezeichnet, ein Aphoristiker war er dennoch nicht: Dem Gedankenblitz zog er die Nachdenklichkeit vor, der effektvollen Vereinfachung die kompromißlose Einfachheit, der zitierbaren Wahrheit die präzise Wahrnehmung.

          Im Unterschied zu Dostojewski (den er nicht sonderlich mochte) war Tschechow kein "engagierter", philosophisch und politisch versierter Autor, der sich zum anklägerischen oder schönrednerischen Sprachrohr irgendwelcher Interessengruppen hätte machen wollen. Der schon mehrfach unternommene Versuch, Tschechows "Gedanken", "Ideen" oder "Lebensweisheiten" anthologisch zu erschließen, hat sich denn auch jedesmal als unproduktiv erwiesen: Wer von diesem Autor jäh einleuchtende Maximen und Reflexionen in flotter, leicht kolportierbarer Formulierung erwartet, wird enttäuscht sein von der Sprödigkeit und Beharrlichkeit, mit der ihm nichts anderes als der schlichte Menschenverstand und dessen Gebrauch beliebt gemacht wird: "Also zum Teufel mit der Philosophie der Großen dieser Welt!"

          Seine Werke: letztlich desolate Nullsummenspiele

          Tschechow begnügt sich damit, aus stets gleichbleibender Distanz aufzuzeigen, was der Fall ist, und ebendies weist ihn denn auch als einen zutiefst gleichgültigen Beobachter aus, dem tatsächlich alles und jedermann gleichermaßen gültig ist. Fast klingt es zynisch (und ist doch nur ein Imperativ vernünftigen Tuns), wenn Tschechow in einem Privatbrief festhält: "Auf dieser Welt muß man unbedingt gleichgültig sein. Nur die Gleichgültigen sind in der Lage, die Dinge klar zu sehen, gerecht zu sein und zu arbeiten ..." Immer wieder hat man Tschechow diese Gleichgültigkeit zum Vorwurf gemacht, hat sie mißverstanden als politisches Desinteresse, als ohnmächtige Hinnahme menschlichen Leids und menschlicher Niedertracht. Weit öfter noch wurde die von ihm vorgeführte schlechte Alltäglichkeit, die dominiert ist von Gier, Neid, Angst, Verrat, falscher Hoffnung und falschem Glück, dadurch aufgehellt und erträglicher gemacht, daß man auf das "milde Lächeln" verwies, mit dem der Autor den Horror der Normalität angeblich denn doch immer wieder verklärt habe.

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