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Anthony McCarten: Ganz normale Helden : Und Trauer lässt sich doch nicht teilen

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Bild: Verlag

Nach dem Tod ist vor der nächsten Tragödie: In seinem neuen Roman „Ganz normale Helden“ erzählt Anthony McCarten die Geschichte der Familie Delpe weiter, deren jüngster Sohn an Krebs gestorben ist.

          Normalerweise ist Jim die Zuverlässigkeit in Person. Er ist Anwalt, und das sagt auch etwas über seinen Charakter: korrekt, verlässlich, ein klarer Kopf. Seit dem Tod seines Sohns Donald kommen ihm diese Eigenschaften allerdings mehr und mehr abhanden. Von seiner Frau Renata hat er sich distanziert. Sein zweiter Sohn Jeffrey, gerade 18, sitzt stundenlang an einem Computerspiel, das täglich mehr Mitglieder zählt, nach Angaben der Betreiber das größte „Echtzeit-Erzählexperiment“, seit Gutenberg die Druckerpresse erfunden hat. Keiner weiß, wo diese gigantische Pixel-Welt eigentlich endet.

          Es gibt endlose Wüsten, düstere Gebirge, Städte, in denen man auf Krieger trifft, die man niederstrecken muss, bevor sie einen selbst töten. Wenn das passiert, „np“, no problem, wie es im Chat heißt - ab ins Reinkarnationszentrum. Leider hat man dann zwar alle erworbenen Fähigkeiten auf einen Schlag verloren. Aber man kann sich praktischerweise neu erfinden, mit stählernem Körper und verführerischen Eigenschaften.

          Ungeahnte erzählerische Möglichkeiten

          Anthony McCartens Roman „Ganz normale Helden“ nimmt Fahrt auf, als Jim, der trockene Anwalt, diese Welt erstmals betritt. Er will dort seinen Sohn Jeffrey finden, denn der ist über Nacht einfach von zu Hause ausgezogen, ohne den Eltern eine Nachricht zu hinterlassen. Die Online-Suche erweist sich als schwieriger als gedacht. Denn „Merchant of Menace“, wie Jeffrey im Spiel heißt, ist für den als harmlose Spielfigur gut getarnten Vater auch hier nicht zu sprechen. Meistens hat er gerade keine Zeit, weil er andere Neulinge gegen echtes Geld in der Kunst von „Life of Lore“ unterweist.

          Oder aber er weilt in einem virtuellen Club, den Jim erst betreten darf, wenn er Level vier erreicht hat. Auf Level zwei immerhin springt ihm Jeffrey freundlicherweise zur Seite, als er gerade mal wieder von besonders aggressiven Mitspielern angegriffen wird. Sein Erstgeborener - welch ein Held! Da klopft das Vaterherz höher, und überhaupt sieht er Jeffrey im virtuellen Umfeld mit neuen Augen. Manches freilich hätte er lieber nicht gesehen.

          McCartens Idee, den Generationenkonflikt virtuell durchzuspielen, birgt für die Beziehung zwischen Vater und Sohn Chancen wie Risiken. Vor allem aber eröffnen sich ungeahnte erzählerische Möglichkeiten, die McCarten mit Witz und viel Charme für seine emsig eifernden Figuren nutzt. Sie wächst einem bald ans Herz, diese trauernde Familie, die nach dem Tod Donalds weiterzuleben versucht.

          Die Rettung der Figuren

          Donald, der an Krebs starb, kennen McCarten-Leser aus „Superhero“. Die Verfilmung des 2007 erschienenen Romans läuft gerade unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ auch in deutschen Kinos. Doch auch ohne Kenntnis der Vorgeschichte wird man schnell mit dem Kern einer Trauer bekannt, die alles verändert. Jeder geht damit anders um. Jeffrey schreibt dem toten Bruder Kurznachrichten auf dessen Handy, das er mit ins Grab geworfen hat. Die Mutter holt sich Ratschläge bei einem anonymen Beichtvater aus dem Internet.

          Und als schließlich der andere Sohn Jeffrey unauffindbar verschwindet, kämpft sie mit allen erdenklichen Mitteln. Sie startet peinliche Suchaktionen als Werbetafel vor Kaufhäusern oder sprüht Graffiti an Autobahnbrücken. McCartens Porträt dieser auseinandergebrochenen Familie bewegt nicht zuletzt deshalb, weil es die Einsamkeit des Einzelnen lange nur in seinen absurden Handlungen spiegelt, ohne sie eigens benennen zu müssen. Es lässt kaum Raum für Begegnungen. Trauer erscheint hier als etwas, das sich nicht teilen lässt, das vereinzelt. Und das man gar nicht so gern hergeben will.

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