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Anthony McCarten: Ganz normale Helden : Und Trauer lässt sich doch nicht teilen

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Nun hat der 1961 geborene Neuseeländer Anthony McCarten als virtuoser Herrscher über erzählte Welten, die sich ineinander- und gegeneinanderschieben lassen, noch ein ganz anderes Anliegen. Er will seine Figuren der Trauer nicht einfach anheimgeben, sondern ihre Rettung erwirken. Er will sie wieder einander sich zuwenden lassen. Dass er dazu eine virtuelle Parallelwelt erschließt, ist ein genialer Trick, eine Verdopplung dessen, was auch Literatur unter anderen Rahmenbedingungen erlaubt: Rollen auszuprobieren, ohne die Konsequenzen für das eigene Verhalten tragen zu müssen. So jedenfalls die Theorie der Spiele-Befürworter.

Mit blitzenden Dialogen und Selbstgesprächen

Mit deren Überprüfung macht es sich McCarten, vermutlich nach eingehender Recherche, nicht leicht. Er schickt Jim mit mächtigem Tastaturgeklapper geradezu unbewaffnet auf ein Terrain, das so verteufelt furchtbar zunächst gar nicht wirkt. Jim benötigt erst einmal einige Einführungshilfen, bevor er wendig wie Luke Skywalker Tötungsmanöver überlebt. Und da Jim ein persönliches Anliegen hat, ist er gelehrig, bald sogar ehrgeiziger als notwendig. Das Kind im Manne erwacht - während Jeffrey, Jims Sohn, einen harten Aufprall in der harschen Wirklichkeit erleben wird und in kürzester Zeitspanne um Jahre nachreift.

Das ist eingängig, klug, hintergründig erzählt und unangestrengt übersetzt, mit blitzenden Dialogen und Selbstgesprächen, in rascher Spielgeschwindigkeit, die in Erschöpfung mündet. Anthony McCarten hat seinen Roman gut rhythmisiert. Alltag und Spielwelt wechseln einander in immer kürzeren Abständen ab. Man wird selbst kurzzeitig süchtig nach der Fortsetzung der Abenteuer in „Life of Lore“. Wie langweilig ist dagegen Jims Büroleben, seine Gespräche mit dem zunehmend um ihn besorgten Chef. Lieber mal eben eine lebenshungrige Pixelfrau von Fesseln befreien.

Satire und Tragödie

“Ganz normale Helden“ ist also auch ein skurriler Trockenkurs für Online-Spiele, der Abglanz der realen Welt, die McCarten hier wie in einem Spiegel haarklein analysiert. Zeitweise spielt der Roman im Chatroom, notiert in rechtschreibfreier Zone. Konkrete Regelhinweise wechseln mit lebensphilosophischen Aphorismen, welche die Sehnsucht nach Anerkennung bedienen: „geschichten sind die landkarten für die erziehung des herzens. sie warnen uns. sie locken und sie führen, beflügeln, tadeln. sie sind großartige ratgeber“, formuliert etwa „Luther“ im Spiel. Was lässt sich dagegen sagen? Als Alternative zum Leben, das macht McCarten mehr als deutlich, eignet sich die Parallelwelt allerdings nicht. Vor allem dann, wenn die Spielfiguren ins echte Leben einzudringen drohen. Cyberstalking bleibt eben nicht unbestraft.

Die Freude beim Lesen dieses Romans verdankt sich aber doch eher dem ungelenken Verhalten seiner eben „ganz normalen“ Helden. Anthony McCarten führt sie zwar gnadenlos vor, verweigert sich aber jedem Zynismus. Seine Prosa kommt ohne Vorverurteilung aus. Sie stellt Fragen und schafft schutzbedürftige Figuren, um die man sich kümmern will. Kein Wunder, dass diese Romane filmtauglich sind - die Drehbücher dazu schreibt der Autor gern selbst.

Seine neue Geschichte vom Vater und dem verlorenen Sohn erzählt am Puls der Zeit von der Notwendigkeit, dass in gewissen Lebensphasen die Rollen auch mal vertauscht werden müssen. Söhne retten Väter im digitalen Dschungel, Väter zeugen Cyberkinder, die Welt steht kopf in diesem rasant erzählten Roman, der regen Gebrauch macht von den diversen Möglichkeiten, das Leben auszuhalten. „Ganz normale Helden“ ist Satire und Tragödie, das Buch zum Virus Spielsucht und gleichzeitig Trauerprotokoll, als Zwitterwesen bitter komisch, erschreckend traurig und voller Empathie.

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