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Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes : Der ist so echt, der muss falsch sein

Bild: Verlag

Anthony Horowitz hat einen neuen Sherlock-Holmes-Roman geschrieben, und darin hat der berühmte Detektiv gleich mehrere Fälle aufzuklären. An Spannung mangelt es nicht.

          3 Min.

          Es war beim Jahresdinner der Londoner Sherlock Holmes Society im vergangenen Januar. Da teilte der englische Autor Anthony Horowitz als Ehrengast mit, die Nachlassverwalter Arthur Conan Doyles hätten bei ihm einen neuen Holmes-Roman bestellt. Das war wegen des offiziellen Auftrags etwas Besonderes und wegen der Romanform, sonst nicht. Unbekannte Fälle des Urdetektivs außerhalb derjenigen, die Doyle in 56 Erzählungen und vier Romanen zu berichten wusste, werden seit Jahrzehnten entdeckt; um nur zwei der besten Funde zu nennen: „Das Drei-Pfeifen-Problem“ von Julian Symons und die Thames-Horror-Geschichten von Barbara Roden.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Auch die Wahl des Autors lag nahe. Anthony Horowitz schreibt seit Jahrzehnten erfolgreich ein Jugendbuch nach dem anderen, vor allem Detektiv-, Spionage- sowie heitere Horrorgeschichten und hat auch eine Reihe von Drehbüchern für „Inspektor Barnaby“ verfasst. In Merry-old-Gemütsmordcountry also ein hervorragender Kulissenkenner.

          Schließlich wendet er sich an Holmes

          Nun liegt gleichzeitig auf Englisch („The House of Silk“) und Deutsch das Auftragswerk vor. Verdient es den Titel „Der neue Sherlock Holmes Roman“, der auf seinem Einband steht? Wir haben das Buch in einer Nacht durchgelesen, was Spannung betrifft, muss es sich also nichts vorwerfen lassen. Auch der straffe, ablenkungsfreie, handlungstreibende Stil der Originalgeschichten gelingt Horowitz gut. Nicht einmal für Humor ist viel Zeit in einer Welt sachlicher Rätsel.

          Der moderne Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, links)  und der moderne Dr. John Watson (Martin Freeman)
          Der moderne Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, links) und der moderne Dr. John Watson (Martin Freeman) : Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

          Das liegt nicht zuletzt daran, dass Doktor Watson im Grunde gleich über drei Rätsel berichtet, nämlich zwei Fälle, die jeder für sich rätselhaft sind und dazu noch die Frage nach ihrem Zusammenhang aufwerfen: das Rätsel der Bostoner Flachkappenbande und das Geheimnis des Seidenhauses. Die von irischen Migranten geführte Flachkappenbande überfällt amerikanische Eisenbahnzüge und zerstört dabei einmal durch Sprengung des Safes wertvolle Bilder, die von London aus auf dem Weg zu ihrem Käufer waren. Der Galerist geht dem nach, einer der Bandenchefs wird von Privatdetektiven erschossen, der andere irische Zwilling flieht, der Galerist lernt auf der Schiffspassage nach Hause seine zukünftige, von Mutter und Schwester jedoch beargwöhnte Frau kennen, und als er in London zurück ist, wird er von einem Mann mit flacher Kappe verfolgt, woraufhin er sich an Holmes wendet.

          Professor Moriarty als bloßes Ornament

          Das Geheimnis des Seidenhauses wiederum ergibt sich bei den entsprechenden Nachforschungen. Holmes nämlich setzt die berühmten „Baker Street Irregulars“ – bekannt aus der „Studie in Scharlach“ und dem „Zeichen der Vier“ – ein, jugendliche Ausreißer, die für ihn kleine Aufträge erledigen. Einem Straßenkind, das den Flachkappenmann verfolgt hat und in der Nähe ist, als er erstochen wird, kommt das teuer zu stehen. Es wird scheußlich zugerichtet mit durchschnittener Kehle und weißer Seidenschleife am Armgelenk gefunden. Auf der Suche nach ihm fiel zuvor das Wort „House of Silk“, ein Hörfehler, wie sich später herausstellt, der ins Deutsche nicht übersetzbar ist. Holmes stößt hier auf ein Verbrechen, das so schlimm ist, dass ihn Warnungen ereilen, der ganze Staat gerate ins Wanken, wenn er weiter ermittele, und fährt sogar wegen vermeintlichen Mordes an einem Mädchen ins Gefängnis ein.

          Dieses Duo ist zu gut, um es nicht wieder und wieder auftreten zu lassen: Nachdem es Kino und Fernsehen gleich mehrfach getan haben, hat sich jetzt der englische Autor Anthony Horowitz an einer würdigen literarischen Auferstehung von Sherlock Holmes und Watson versucht
          Dieses Duo ist zu gut, um es nicht wieder und wieder auftreten zu lassen: Nachdem es Kino und Fernsehen gleich mehrfach getan haben, hat sich jetzt der englische Autor Anthony Horowitz an einer würdigen literarischen Auferstehung von Sherlock Holmes und Watson versucht : Bild: picture alliance

          Holmes fahndet also ständig nach mehreren Tätern, führt uns durchs untere und obere London, in Opiumhöhlen und Kinderheime, zu gewalttätigen Schlossherren und Hehlern, in üble Pinten und Gerichtsgebäude. Horowitz lässt keine Originalzutat und kein Originalzitat aus: die Wohnung in der Baker Street 221b, in der allerdings mit den Wandgemälden etwas nicht ganz stimmt, Mrs.Hudson, die Haushälterin, und Holmes’ alten Konkurrenten Inspektor Lestrade, diesmal als Freund, sowie Holmes’ lethargischen Bruder Mycroft – Insasse des „Diogenes Club“, dessen ungesellige Mitglieder man nicht ansprechen darf – , die Stradivari und das Kokain, die Verkleidungskünste und die Kutschenjagd, die Zeitungsannonce und den Novembernebel. Sogar Professor Moriarty hat einen Auftritt, der von der Geschichte her gesehen aber ganz überflüssig ist und ein bloßes Ornament.

          Analogien zwischen der Geschichte und der Menüfolge sind erlaubt

          Auch von seiner Fähigkeit, Gedanken zu lesen, Berufe physiognomisch zu erraten und aus kleinsten Mitteilungen – „Kann Ihre Frau schwimmen?“ – die entscheidende Information zu ziehen, gibt Holmes ein gutes Dutzend Mal Proben. Bei Horowitz kennt Holmes sogar seinen Vorläufer darin, Auguste Dupin. Die Episoden mit den Straßenkindern und in der Erziehungsanstalt geben ein wenig Oliver-Twist-Kolorit hinzu. Sehr gewitzt auch das kleine „locked room mystery“, wenn Holmes aus einer Gefängniszelle flieht, die nur einen Moment lang unbewacht war, ohne dass Holmes das selbst ausnützt, sondern nur die Vorstellung seiner Verfolger, jener unbewachte Augenblick habe ihm die Flucht ermöglicht.

          Das ist alles sehr unterhaltsam, aber das sind auch ziemlich viele Markenzeichen. Horowitz fügt in eine einzige Geschichte ein, was Arthur Conan Doyle auf sechzig Fälle verteilte. Sherlock Holmes hätte vermutlich einmal kräftig am Bart dieser Erzählung gezogen und hinterher gesagt: „Das konnte gar nicht ich sein, so ähnlich bin ich mir gar nicht.“ Und noch an einer anderen Stelle wäre ihm aufgefallen, dass es sich bei dieser Geschichte um eine hübsche, aber doch nicht ganz perfekte Fälschung handelt: Das Wort „Roboter“ gab es um 1911, als Doktor Watson diese Geschichte aufgeschrieben und ihres niederschmetternden Inhalts mit hundertjährigem Publikationsverbot versehen haben soll, noch gar nicht.

          Beim nächsten Jahresdinner am 7. Januar darf man also getrost Analogien zwischen Anthony Horowitzens etwas überwürztem, dadurch allerdings auch reichhaltigem und abendfüllenden Schmöker und der Menüfolge ziehen. Es soll eine Paté von Cropwell Bishop Stilton mit Pastinakenpüree, danach eine Gressingham Ente mit Thymiankartoffen in Sahne und geräucherten Pastinaken an Birnensoße sowie ein Kokosnussparfait (ohne Pastinaken, aber mit Zimtgebäck und Rumtoffee) geben.

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