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Anthony Horowitz: Das Geheimnis des weißen Bandes : Der ist so echt, der muss falsch sein

Dieses Duo ist zu gut, um es nicht wieder und wieder auftreten zu lassen: Nachdem es Kino und Fernsehen gleich mehrfach getan haben, hat sich jetzt der englische Autor Anthony Horowitz an einer würdigen literarischen Auferstehung von Sherlock Holmes und Watson versucht
Dieses Duo ist zu gut, um es nicht wieder und wieder auftreten zu lassen: Nachdem es Kino und Fernsehen gleich mehrfach getan haben, hat sich jetzt der englische Autor Anthony Horowitz an einer würdigen literarischen Auferstehung von Sherlock Holmes und Watson versucht : Bild: picture alliance

Holmes fahndet also ständig nach mehreren Tätern, führt uns durchs untere und obere London, in Opiumhöhlen und Kinderheime, zu gewalttätigen Schlossherren und Hehlern, in üble Pinten und Gerichtsgebäude. Horowitz lässt keine Originalzutat und kein Originalzitat aus: die Wohnung in der Baker Street 221b, in der allerdings mit den Wandgemälden etwas nicht ganz stimmt, Mrs.Hudson, die Haushälterin, und Holmes’ alten Konkurrenten Inspektor Lestrade, diesmal als Freund, sowie Holmes’ lethargischen Bruder Mycroft – Insasse des „Diogenes Club“, dessen ungesellige Mitglieder man nicht ansprechen darf – , die Stradivari und das Kokain, die Verkleidungskünste und die Kutschenjagd, die Zeitungsannonce und den Novembernebel. Sogar Professor Moriarty hat einen Auftritt, der von der Geschichte her gesehen aber ganz überflüssig ist und ein bloßes Ornament.

Analogien zwischen der Geschichte und der Menüfolge sind erlaubt

Auch von seiner Fähigkeit, Gedanken zu lesen, Berufe physiognomisch zu erraten und aus kleinsten Mitteilungen – „Kann Ihre Frau schwimmen?“ – die entscheidende Information zu ziehen, gibt Holmes ein gutes Dutzend Mal Proben. Bei Horowitz kennt Holmes sogar seinen Vorläufer darin, Auguste Dupin. Die Episoden mit den Straßenkindern und in der Erziehungsanstalt geben ein wenig Oliver-Twist-Kolorit hinzu. Sehr gewitzt auch das kleine „locked room mystery“, wenn Holmes aus einer Gefängniszelle flieht, die nur einen Moment lang unbewacht war, ohne dass Holmes das selbst ausnützt, sondern nur die Vorstellung seiner Verfolger, jener unbewachte Augenblick habe ihm die Flucht ermöglicht.

Das ist alles sehr unterhaltsam, aber das sind auch ziemlich viele Markenzeichen. Horowitz fügt in eine einzige Geschichte ein, was Arthur Conan Doyle auf sechzig Fälle verteilte. Sherlock Holmes hätte vermutlich einmal kräftig am Bart dieser Erzählung gezogen und hinterher gesagt: „Das konnte gar nicht ich sein, so ähnlich bin ich mir gar nicht.“ Und noch an einer anderen Stelle wäre ihm aufgefallen, dass es sich bei dieser Geschichte um eine hübsche, aber doch nicht ganz perfekte Fälschung handelt: Das Wort „Roboter“ gab es um 1911, als Doktor Watson diese Geschichte aufgeschrieben und ihres niederschmetternden Inhalts mit hundertjährigem Publikationsverbot versehen haben soll, noch gar nicht.

Beim nächsten Jahresdinner am 7. Januar darf man also getrost Analogien zwischen Anthony Horowitzens etwas überwürztem, dadurch allerdings auch reichhaltigem und abendfüllenden Schmöker und der Menüfolge ziehen. Es soll eine Paté von Cropwell Bishop Stilton mit Pastinakenpüree, danach eine Gressingham Ente mit Thymiankartoffen in Sahne und geräucherten Pastinaken an Birnensoße sowie ein Kokosnussparfait (ohne Pastinaken, aber mit Zimtgebäck und Rumtoffee) geben.

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