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Pulitzerpreisträger : Hinter jeder Ecke lauert der Geschichtsgrusel

  • -Aktualisiert am

Deutscher Nazi-Grusel verbindet sich im Roman mit einem pittoresken französischen Schauplatz: Saint-Malo an der bretonischen Küste Bild: Reuters

Sensationelle Millionenauflage und ein Pulitzerpreis: Anthony Doerr fasziniert mit seinem Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ Leser und Kritiker gleichermaßen. Ist das nachvollziehbar?

          Mehr als 13.000 Kundenrezensionen wurden über Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ in nur einem Jahr bei Amazon verfasst. So viele Leser geben sonst nur bei „Fifty Shades of Grey“ Kunde. Zur schwartenverdächtigen Millionenauflage ist nun aber auch der Pulitzerpreis gekommen. Offenbar haben wir es mit einem Phänomen von einem Roman zu tun, der in den Vereinigten Staaten Leser und Kritik gleichermaßen entzückt. Das Echo der deutschen Übersetzung blieb bisher allerdings verhalten.

          Dabei ist es ein Roman, der uns schon deshalb angeht, weil er im alten Europa spielt. Aber vielleicht liegt in dieser Perspektive schon ein Problem. Deutscher Nazi-Grusel verbindet sich mit einem pittoresken französischen Schauplatz, Saint-Malo an der Bretagneküste, für Amerikaner zugleich eine heroische Landschaft. Die zentralen Kapitel des Romans spielen im August 1944, acht Wochen nach dem D-Day. Saint-Malo ist die letzte Nazi-Festung in Nordfrankreich. Und liegt deshalb unter Bombenhagel. 85 Prozent der Stadt wurden komplett zerstört: ein flammendes Inferno, das Doerr mit geradezu pyrotechnischer Beschreibungskraft vermittelt.

          Fördern und foltern

          Die Hauptfiguren sind in den Rückblende-Kapiteln noch Kinder, aber doch schon gezeichnet: ein blindes französisches Mädchen und ein albinoblonder deutscher Waisenknabe. Im regelmäßigen Wechsel erzählt der Roman von Werner Hausner, der in Essen mit seiner Schwester auf dem Gebiet der Zeche Zollverein aufwächst, und von Marie-Laure LeBlanc, die zunächst in Paris bei ihrem Vater lebt, einem Museumsschlosser, der für sie das heimische Viertel als kleine Holzstadt nachbaut, damit sie sich mit sensiblen Fingern orientieren kann. Blindheit wird von Doerr nicht nur behauptet; die Welt der Blinden ist ein Hörspiel: „Autos platschen über die Straße, Schmelzwasser rinnt durch die Gossen. Sie hört die Schneeflocken in den Bäumen ticken . . . Die Metro rattert unter dem Gehweg . . . Der Himmel weitet sich und sie hört das Knacken von Ästen.“ Kurz bevor die Wehrmacht Paris besetzt, flieht Marie-Laure mit ihrem Vater ins vermeintlich sichere Saint-Malo. Dort lebt ihr Großonkel in einem großen, verwunschenen Haus, und bald wird sie von einem Grüppchen resoluter Résistance-Damen für kleine, aber gefährliche Widerstandsaktivitäten eingespannt.

          Anthony Doerr, Autor des Romans „Alles Licht, das wir nicht sehen“

          Werner entkommt unterdessen dem Waisenhaus und dem vorgezeichneten Untertage-Schicksal. Der Kleine zeigt früh eine große technische Begabung und baut aus Schrott Radios zusammen, so dass die Kinder Hörspielen über „hakennasige Kaufhausbesitzer“ lauschen können. Radio ist die Technik der Stunde – und Werner bald ein Fall für das nationalsozialistische Begabtenprogramm. Er kommt an die Napola von Schulpforta, durchsteht dort schikanöse Mutproben und sadistische Erniedrigungsrituale. Fördern und Foltern: Das sind die pädagogischen Leitlinien des Instituts.

          History und Mystery

          Auch wenn der Roman auf einige klischeegeschnitzte Nazi-Unholde nicht verzichtet, schafft er es doch, die perfide Doppelgesichtigkeit des nationalsozialistischen Erziehungssystems zur Darstellung zu bringen: Einerseits werden die Jungen auf Idealismus und „glühende Opferbereitschaft“ getrimmt, andererseits sollen ihnen die humanen Reflexe wegkonditioniert werden. Mitleid mit Schwachen, Einfühlung in Opfer und Benachteiligte ist demnach selbst eine fahrlässige Schwäche im sozialdarwinistischen Kampf der Rassen und Völker. Werner aber kommen Zweifel an der Logik der Ideologie: „Rassische Reinheit, politische Reinheit . . . Er fragt sich mitunter, ob nicht das Leben selbst eine Verunreinigung ist.“

          Im Krieg wird er als Funktechniker Mitglied einer Spezialeinheit, die Partisanen-Sender ausfindig macht und mitsamt den Sendenden vernichtet. Brutale, aber eindrückliche Szenen; der Krieg ist die große Schule der „tiefen Verachtung alles menschlichen Lebens“. Später wird die Einheit nach Nordfrankreich verlegt, und dort spürt Werner illegale Signale auf, die aus dem Haus von Marie-Laures Großonkel kommen, einem Radiofreak der ersten Stunde, dessen letzte jetzt geschlagen hätte, wenn Werner die Entdeckung nicht für sich behielte.

          Der Roman mischt History und Mystery. Für Letztere sorgt ein Riesendiamant, dem geheimnisvolle Kräfte nachgesagt werden: „Wer immer den Stein besitzt, soll ewig leben, aber die, die er liebe, soll als Preis dafür alles Unglück treffen.“ Der an Krebs erkrankte Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, im Zivilleben Edelsteinexperte, versucht sich in den Besitz des Diamanten zu bringen. Für ein bisschen ewiges Leben wäre ihm jedes Opfer recht. Das trägt dem Roman eine kolportagehafte Indiana-Jones-Nebenhandlung ein, denn zur Irreführung sind seit den Tagen der Evakuierung von Paris neben dem Original drei Kopien des ominösen Minerals unterwegs – und einen dieser Steine, womöglich den echten, hat Marie-Laures Vater im Gepäck, weshalb von Rumpel, dieser böse kranke Mann, schließlich auf Maries Spuren gerät. Der Superdiamant ist im Roman eine Art Geheimwaffe, ein Bindemittel, um disparate Figuren und Szenen zusammenzuhalten.

          Die Last der Geschichte und die Leichtigkeit des Erzählens

          Leider hat Doerr eine Neigung zu angestrengten Metaphern und preziösen Sprachbildern: „Zweifel. Wie Aale schleichen sie sich ein.“ Oder: „Seine Stimme ist tief und sanft, ein Stück Seide, das man in der Schublade aufbewahrt, nur um es von Zeit zu Zeit hervorzuholen und zu befühlen.“ Einmal weht ein Lied „wie eine helle, pulsierende Wolke zum Fenster hinein“, ein andermal zieht ein Mensch „seine Angst wie einen Karren hinter sich her“. Solche Stilblüten sind jedoch die Kehrseite des Bemühens um sprachliche Ausdruckskraft und sinnliche Konkretion, das den Roman dann doch von der üblichen, sprachlich dürftigen Bestsellerware unterscheidet und zu beeindruckenden Beschreibungen führt. Über das Zechengelände, Werners Herkunftswelt, heißt es: „Schornsteine rauchen, Lokomotiven pendeln auf erhöhten Trassen, und auf Abraumhalden stehen kahle Bäume wie skelettierte Hände, die sich aus der Unterwelt herausrecken.“ Dieses Zitat ist zudem ein Beispiel dafür, dass das alte Europa, wie es dieser Roman präsentiert, einen starken Zug ins Klaustrophobe hat. Marie verbringt einen großen Teil der Rahmenhandlung eingesperrt hinter einem monströsen Kleiderschrank, Werner im verschütteten Keller unter einem zusammengestürzten Hotel, was ihn an das Grubenunglück seines Vaters erinnert. Und nicht zufällig ist Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter den Meeren“ ein wichtiger Motivspender.

          Die Kapelle, rumtata: Deutsche Soldaten marschieren um 1943/44 durch den französischen Ort Tournon-sur-Rhône.

          Der außerordentliche Erfolg des Buches ist auch deshalb erstaunlich, weil es formal sehr eigenwillig erzählt ist. Der 1973 geborene Anthony Doerr hat sich einen Namen gemacht als Verfasser von Kurzgeschichten; auch sein Roman ist gebaut aus lauter kleinen Erzählsequenzen von ein, zwei, selten mehr als fünf Seiten. Der Leser kann sich also keinem bequemen Lesefluss hingeben, sondern muss seine Vorstellungskraft ständig neu justieren, zumal die Handlung auch mit vielen Zeitsprüngen dargeboten wird. Obwohl durchgehend im Präsens gehalten, kommt der Roman den Figuren doch nicht so nahe, wie es bei einer Erzählweise der Fall wäre, die sich über viele Seiten der Perspektive einer Figur anvertraut. Statt ein Geschehen, eine Begegnung zu entfalten, versucht die kleinteilige Form lauter prägnante Momente aufzubieten, die über sich hinausweisen.

          Das bekommt leicht etwas Forciertes, Bedeutungsschwangeres. Und es soll womöglich darüber hinwegtäuschen, dass dieser Roman ziemlich artifiziell konstruiert und zusammengeschraubt ist. Am Ende treffen sich kurzzeitig die Wege der Hauptfiguren, und Werner hat noch Gelegenheit, Marie-Laure dreimal das Leben zu retten. Magische, märchenhafte Verbindungen sind hier wichtiger als solide Motivationen. Darin liegt vielleicht das Erfolgsrezept: Doerr verbindet die Last der Geschichte mit der Leichtigkeit des Geschichtenerzählens. Zu leicht, wird mancher alte Europäer einwenden.

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