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Pulitzerpreisträger : Hinter jeder Ecke lauert der Geschichtsgrusel

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Der Roman mischt History und Mystery. Für Letztere sorgt ein Riesendiamant, dem geheimnisvolle Kräfte nachgesagt werden: „Wer immer den Stein besitzt, soll ewig leben, aber die, die er liebe, soll als Preis dafür alles Unglück treffen.“ Der an Krebs erkrankte Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, im Zivilleben Edelsteinexperte, versucht sich in den Besitz des Diamanten zu bringen. Für ein bisschen ewiges Leben wäre ihm jedes Opfer recht. Das trägt dem Roman eine kolportagehafte Indiana-Jones-Nebenhandlung ein, denn zur Irreführung sind seit den Tagen der Evakuierung von Paris neben dem Original drei Kopien des ominösen Minerals unterwegs – und einen dieser Steine, womöglich den echten, hat Marie-Laures Vater im Gepäck, weshalb von Rumpel, dieser böse kranke Mann, schließlich auf Maries Spuren gerät. Der Superdiamant ist im Roman eine Art Geheimwaffe, ein Bindemittel, um disparate Figuren und Szenen zusammenzuhalten.

Die Last der Geschichte und die Leichtigkeit des Erzählens

Leider hat Doerr eine Neigung zu angestrengten Metaphern und preziösen Sprachbildern: „Zweifel. Wie Aale schleichen sie sich ein.“ Oder: „Seine Stimme ist tief und sanft, ein Stück Seide, das man in der Schublade aufbewahrt, nur um es von Zeit zu Zeit hervorzuholen und zu befühlen.“ Einmal weht ein Lied „wie eine helle, pulsierende Wolke zum Fenster hinein“, ein andermal zieht ein Mensch „seine Angst wie einen Karren hinter sich her“. Solche Stilblüten sind jedoch die Kehrseite des Bemühens um sprachliche Ausdruckskraft und sinnliche Konkretion, das den Roman dann doch von der üblichen, sprachlich dürftigen Bestsellerware unterscheidet und zu beeindruckenden Beschreibungen führt. Über das Zechengelände, Werners Herkunftswelt, heißt es: „Schornsteine rauchen, Lokomotiven pendeln auf erhöhten Trassen, und auf Abraumhalden stehen kahle Bäume wie skelettierte Hände, die sich aus der Unterwelt herausrecken.“ Dieses Zitat ist zudem ein Beispiel dafür, dass das alte Europa, wie es dieser Roman präsentiert, einen starken Zug ins Klaustrophobe hat. Marie verbringt einen großen Teil der Rahmenhandlung eingesperrt hinter einem monströsen Kleiderschrank, Werner im verschütteten Keller unter einem zusammengestürzten Hotel, was ihn an das Grubenunglück seines Vaters erinnert. Und nicht zufällig ist Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter den Meeren“ ein wichtiger Motivspender.

Die Kapelle, rumtata: Deutsche Soldaten marschieren um 1943/44 durch den französischen Ort Tournon-sur-Rhône.

Der außerordentliche Erfolg des Buches ist auch deshalb erstaunlich, weil es formal sehr eigenwillig erzählt ist. Der 1973 geborene Anthony Doerr hat sich einen Namen gemacht als Verfasser von Kurzgeschichten; auch sein Roman ist gebaut aus lauter kleinen Erzählsequenzen von ein, zwei, selten mehr als fünf Seiten. Der Leser kann sich also keinem bequemen Lesefluss hingeben, sondern muss seine Vorstellungskraft ständig neu justieren, zumal die Handlung auch mit vielen Zeitsprüngen dargeboten wird. Obwohl durchgehend im Präsens gehalten, kommt der Roman den Figuren doch nicht so nahe, wie es bei einer Erzählweise der Fall wäre, die sich über viele Seiten der Perspektive einer Figur anvertraut. Statt ein Geschehen, eine Begegnung zu entfalten, versucht die kleinteilige Form lauter prägnante Momente aufzubieten, die über sich hinausweisen.

Das bekommt leicht etwas Forciertes, Bedeutungsschwangeres. Und es soll womöglich darüber hinwegtäuschen, dass dieser Roman ziemlich artifiziell konstruiert und zusammengeschraubt ist. Am Ende treffen sich kurzzeitig die Wege der Hauptfiguren, und Werner hat noch Gelegenheit, Marie-Laure dreimal das Leben zu retten. Magische, märchenhafte Verbindungen sind hier wichtiger als solide Motivationen. Darin liegt vielleicht das Erfolgsrezept: Doerr verbindet die Last der Geschichte mit der Leichtigkeit des Geschichtenerzählens. Zu leicht, wird mancher alte Europäer einwenden.

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