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Roman über Kindesmissbrauch : Zur Erinnerung finden, auch wider die Sprache

  • -Aktualisiert am

Die Parallelen sind nicht zu übersehen: Blick auf die Odenwaldschule in Ober-Hambach. Bild: dpa

Wie erzählt man von sexueller Gewalt gegen Kinder? „Die bessere Geschichte“ von Anselm Neft schildert das Thema aus der Sicht eines jetzt erwachsenen Opfers.

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          Mehr als 14.000 Kinder waren vergangenes Jahr in Deutschland sexueller Gewalt ausgesetzt. Das sind etwa vierzig Kinder pro Tag. Ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse. Die Dunkelziffer dürfte enorm sein, teilte das Bundeskriminalamt bei der Bekanntgabe dieser Zahlen mit. Doch konkrete Maßnahmen gegen diese Lage lassen bislang auf sich warten. Die Gelder für die Hilfsprogramme der Opfer sind knapp. Eine Professorin sprach mit Blick auf die finanzielle Ausstattung der Jugendhilfe jüngst von „institutioneller Kindeswohlgefährdung“. Von Präventionshilfen und Therapien für Täter oder für die, die es werden könnten, scheint noch nicht einmal die Rede zu sein. Es wirkt, als gäbe es einen kollektiven Entschluss, lieber wegzuschauen.

          Ein Roman, der die Schweigeroutine durchbricht und von sexueller Gewalt gegenüber Kindern erzählt, der dafür eine Erzählform und Sprache findet, führt unabdingbar in ein Tal der Schmerzen. Anselm Neft, 1973 geboren, der Öffentlichkeit vor allem als furchtloser Satiriker bekannt, gelingt das Kunststück, die Gewalt nicht zu verharmlosen und doch auch jeden Kurzschluss voreiligen Verurteilens zu vermeiden. Sein Roman setzt sprachlich holprig ein. Mit Sätzen, denen das Wesentliche seltsam aus dem Fokus zu entrinnen scheint, die ungelenk wirken, hölzern, verunglückt. Aber dieser Eindruck legt sich im Verlaufe des Erzählens, und im Rückblick wird klar, dass diese Sätze Teil von Nefts Poetik der Einfühlsamkeit sind.

          Verschwimmen der Grenzen

          „Die bessere Geschichte“, so der Titel des Romans, wird aus der Sicht eines jetzt erwachsenen Opfers geschildert. Wenn Tilman Weber sich nach mehr als dreißig Jahren wieder seiner Kindheit zuwendet, muss er sich erst gegen den eigenen Widerstand und wider die eigene Sprache zu den gut verborgenen Kindheits- und Jugenderinnerungen, vorarbeiten. Deshalb verrutschen dem Erzähler seine Sätze. Oder verrechnet man als Leser damit bereits als Symptom, was ästhetisch zu beurteilen wäre? Um das Verschwimmen sicher geglaubter Grenzen geht es in diesem eindrücklichen Roman auf allen seinen Ebenen.

          Anselm Neft erzählt in seinem Roman „Die bessere Geschichte“ über sexuelle Gewalt gegen Kinder.

          Neft erzählt die Missbrauchsgeschichte als drei aufeinanderfolgende Episoden. Zuerst steht die frühe Kindheit des Protagonisten im Mittelpunkt, geprägt vom Selbstmord der Mutter und der Trauer des Vater, der sich von seinem Kind zurückzieht und seinen Sohn in einem Umfeld aufwachsen lässt, in dem ihm jede positive Rückkopplung fehlt. Nach einem Ausraster in der Schule und nachdem der Vater eine neue Frau kennengelernt hat, kommt man überein, dass der Junge auf einem Internat sehr gut aufgehoben sei. Die Wahl fällt auf eine freipädagogische Schule. Die „Freie Schule Schwanhagen“, an der Ostsee gelegen, geprägt von einem charismatischen Schulleiter-Ehepaar. Etwa zehn Kinder wohnen dort mit jeweils zwei Pädagogen in sogenannten Familien zusammen. Die Parallelen zur Odenwald-Schule sind überdeutlich. Die sexuellen Übergriffe beginnen, als Tilman in die Wieland-Familie des Schulleiterpaares einzieht.

          Langzeitfolgen und Scham

          Allerdings erlebt und empfindet er diese Zeit keineswegs als Leidenszeit, sondern als persönliche Befreiung, als Loslösung von gesellschaftlichen Stereotypen und der väterlichen Resonanzverweigerung. Die Wielands vermitteln ihren Schülerinnen und Schülern überzeugend, etwas Besonderes zu sein. Wer würde, nachdem er zuvor jede Form der Bestätigung missen musste, dieser persönlichen Anerkennung widerstehen können? Die dritte Erzähleinheit des Romans schließlich widmet sich dem Leben der erwachsenen Opfer. Sie berichtet von den Langzeitfolgen der sexuellen Übergriffe, von Scham, Traumatisierung, Hilflosigkeit, Gefühlskälte, die sich mit einer stark ausgeprägten Individualität nicht widersprechen. Sie erzählt vom Entschluss, gegen die Wielands öffentlich vorzugehen, bis hin zu Tilman Webers schwieriger Entdeckung, sich seinerseits ausschließlich von Mädchen im Alter von 13 bis etwa 16 Jahren sexuell angezogen zu fühlen. Ein gewagter Erzählbogen, der simple Opposition von Tätern und Opfern unterläuft.

          „Die bessere Geschichte“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 480 S., geb., 22 Euro.

          Wenn Neft von der Internatszeit schreibt, geht es ihm neben den gekonnt eingeflochtenen Standard-Ingredienzien (erste Liebe, Initiationsrituale, Mutproben, Törleßfragen, Club-der-toten-Dichter-Schwärmereien, Fänger im Roggen-Enthusiasmus) vor allem um die Fragen: Wie es dazu kommen kann, dass die Kinder sich nicht gegen die sexuelle Gewalt wehren? Und warum in dieser Zeit auch jene Scham nicht aufkommt, welche die Opfer später überkommen und tief prägen wird?

          In Tilmans Fall ist es Valerie Wieland, die den dreizehnjährigen Jungen offenbar von der ersten Begegnung an begehrt. Die sich ihm behutsam nähert, ihn umsichtig begleitet, ihm zeigt, wie er sich aus seinen bisherigen Denkweisen lösen kann. Da Tilman sich als ganze Person gemeint fühlt, so die Darstellung des Romans, bereitet ihm Valeries Annäherung zwar einerseits Unbehagen. Andererseits würde es ihm geradezu seltsam anmuten, wenn ausgerechnet die Sexualität aus ihrer Beziehung ausgeklammert bliebe oder nur auf dem Feld der Theorie behandelt werden würde.

          Rituale der Verschwiegenheit

          Scham, schreibt die amerikanische Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick, als sie diese Emotion jenseits von abstrakten Moralsätzen und Verboten zu bestimmen sucht, Scham setzt ein, wenn man das Gefühl hat, dass einem ein Fremder plötzlich ins Gesicht schaut. Oder wenn jemand familiär vertraut wirkt und auf einen Schlag fremd erscheint. In der hochintimen Wieland-Familie gibt es diesen Anblick des Fremden nach kurzer Zeit nicht mehr. Dafür sorgen die Wielands mit den von ihnen initiierten Ritualen der Verschwiegenheit und Exklusivität. Neft erzählt eindrucksvoll und behutsam, wie die Grenzen für Tilman sich Schritt für Schritt verschieben. Erst Valeries, dann auch Salvadors Übergriffe erscheinen dem Jungen im Wust der neuen Denkweisen und Eindrücke als Irritationen, die hinzunehmen seien, zumal sie ihm nicht einmal vollkommen unangenehm sein müssen.

          Ebenso eindringlich und überzeugend vermag Anselm Neft zu schildern, wie tief die Beschämung die Opfer prägt, wenn sie sich dazu entschließen oder sogar in die Lage gezwungen werden, über diese Ereignisse zu sprechen. Die Beschämung entfaltet tatsächlich dann ihre volle Kraft, wenn jemand anderes sich umdreht und einem ins Gesicht schaut. Und wenn das eine große, sensationsaffine Öffentlichkeit ist, wird die Beschämung nicht gerade kleiner. „Das Schweigen“, lautet der Titel eines Beitrags, den Neft 2010 für den „Tagesspiegel“ verfasst hat. Dort beschreibt er das Schweigekartell, das er vor und nach seiner Schulzeit am Bad Godesberger Aloisiuskolleg erlebt hat. Dort weist er auch darauf hin, wie verschroben der Begriff Kindesmissbrauch daherkommt, als wäre Kindesgebrauch zu rechtfertigen. Nicht zuletzt aber deutet er in diesem Beitrag auch schon darauf hin, was sein Roman jetzt erzählerisch entfaltet: wie viel mehr zu tun ist, als Opfer zum Sprechen zu bringen und Täter vor Gericht zu verurteilen. Wer hinschauen will, lese diesen mutigen wie bewegenden Roman.

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