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Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet : Über den Häusern schweben die Algen

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Warten auf die große Flut: Annika Scheffel erzählt in ihrem Roman „Bevor alles verschwindet“ von einem Dorf, das geflutet wird. Ihr gelingt damit ein magisches Buch unserer Gegenwart.

          4 Min.

          Die Männer, die sich der kleinen Ortschaft nähern, haben lange keine Namen. An ihrer Kleidung tragen sie ein Emblem. Später heißen sie Gelbhelme. Eine anonyme Macht, die auf einen kleinen Ort zurollt wie aus dem Nichts. Und tatsächlich beschreibt Annika Scheffels Roman „Bevor alles verschwindet“ eine feindliche Übernahme: Der Ort soll geflutet werden. Und wenn am Ende dieses Romans das Wasser kommt, werden wir sie alle kennengelernt haben: Wacho, den Bürgermeister, der nicht weichen will; Jules und Jula, die achtzehnjährigen Zwillinge, die gegen das Projekt protestieren; und Mona, die Ortsverrückte. Ein knappes halbes Jahr begleiten wir diese Figuren durch ihre Untergangsstimmung.

          Dass man immer weiterliest, obwohl man das Ende kennt, Kapitel für Kapitel, die alle die Namen der einzelnen Ortsbewohner tragen, hat etwas mit dem Blickwinkel zu tun: mit dem fast vollkommenen Ausschluss der Außenwelt und der Stille, die dadurch entsteht. Annika Scheffels Roman setzt ein wie ein früher Film des Regisseurs Lars von Trier, von dem man lernen kann, wie strenge Blickführung funktioniert: In „Dogville“ (2003) nähert sich die Kamera quälend langsam aus der Vogelperspektive einem Dorf. Die Geduldsübung hält den ganzen Film über an, wenn die Kamera wie im Sturzflug auf den Ort hinunterstößt, wo keine Häuser stehen, sondern nur weiße Kreidestriche auf einem schwarzen Theaterboden die Grenzen zwischen den einzelnen Behausungen markieren. Auch Annika Scheffels Ort ist ein solches Laboratorium. Und doch wird ihr Guckkasten nicht zur Kopfgeburt.

          Ein Archiv verschwundener Orte

          Das ist eine Leistung, weil die Gefahr durchaus groß ist bei dieser hautnahen Begleitung der Figuren, die dem ersten Panoramabild auf das geflutete Dorf folgt, bevor die Zeit zurückgespult wird: Nur das goldene Kreuz des Kirchturms ragt darauf aus dem Wasser heraus, ganz wie man es etwa schon auf der Fahrt gen Süden kurz vor dem Reschenpass gesehen hat oder in anderen gefluteten Tälern. Man stoppt an einem still im Sonnenlicht glänzenden See, liest die Informationstafel, macht ein Foto von dem aus dem Wasser ragenden Ende eines Turms und fährt weiter, mit einem mulmigen Gefühl. Annika Scheffel durchbricht dieses Postkartenmotiv und taucht in die Vergangenheit eines solchen Orts ab wie unter eine Glasglocke, die jederzeit unter dem Druck der Wassermassen zerbrechen kann.

          Der Roman könnte in der Lausitz spielen: 136 Orte mussten dort seit 1924 dem Braunkohlebergbau ganz oder teilweise weichen, über 25 000 Menschen verloren ihre Heimat, so die offiziellen Zahlen. Hier, heißt es in der Danksagung, habe die Autorin im „Archiv Verschwundener Orte“ recherchiert, und es ist schön zu hören, dass es ein solches Archiv für Verschwundenes wirklich gibt.

          Deutscher magischer Realismus

          Annika Scheffel wurde 1983 in Hannover geboren und schreibt neben Prosa auch Drehbücher. Mit „Ben“ hatte die in Berlin lebende Autorin vor drei Jahren einen ersten Erfolg. Für ihren neuen Roman greift sie auf die Erinnerungen ihrer Großeltern zurück. Die Menschen in Annika Scheffels kleiner Ameisenwelt sehen die Abrissbagger anrücken, aber sie weichen nicht vom Fleck. Über Nacht sind die Häuser mit roten Strichen versehen, welche den künftigen Wasserpegel anzeigen. Die Dorfbewohner kommen in der einzigen Gaststätte zusammen. Sie versuchen, die Striche wegzuwischen. Und irgendwann steht auf dem Hauptplatz ein Glassarg mit dem Modell eines neuen Ortes, der woanders gebaut werden soll, mit einem Hallenbad, einer Seilbahn und einem Teich mit Mandarinenten, viel schöner als der alte Ort, durch den nur die Traufe fließt. Der Fluss ist urig, bevor er zum See anschwillt, mit Laubbäumen und altem Gehölz zum Klettern. Und glaubt man Marie, einem aufgeweckten Kindergartenkind mit viel Phantasie, wohnt dort auch ein blauer Fuchs.

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