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Neuer Roman von Annette Pehnt : Wanderer, kommst du nach Kirthan

Annette Pehnt im März 2014 in Köln Bild: dpa

Anfangs denkt man noch, es ginge in diesem Roman um die deutsche Reisegruppe: Annette Pehnts Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ konfrontiert das alte mit dem neuen China. Und das alte Europa gleich mit.

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          Kirthan steht nicht im Atlas. Aber es ist Gegenstand eines Buchs aus dem neunzehnten Jahrhundert: „Reisen durch Kirthan in dunklen Zeiten“. Das ist die Begleitlektüre eines pensionierten deutschen Witwers während dessen eigenem Aufenthalt in der fernöstlichen Region mit diesem Namen. Gemeinsam mit seiner Tochter ist er Teil einer organisierten Kulturreisegruppe von etwa einem Dutzend Landsleuten. Was sie in Kirthan erleben, steht in einem Buch aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert: dem Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ von Annette Pehnt.

          Andreas Platthaus
          (apl), Feuilleton

          Alles, was wir in einem Roman lesen, ist Fiktion. Sollte es zumindest sein. Also wozu sich wundern, dass es den im Roman erwähnten historischen Reisebericht gar nicht gibt? Dass der Handlungsort Kirthan heißt und nicht einfach China? Dass in Kirthan ein Spiel namens Guan populär ist oder der zentrale Platz in der Hauptstadt die Bezeichnung „Platz Ohne Namen“ trägt, während die wichtigste Kultstätte ein „Tempel der Ewigen Freundlichkeit“ ist? Alles irgendwie ganz nahe an der chinesischen Wirklichkeit, was Annette Pehnt sich da an Namen ausgedacht hat, und dann doch eine entscheidende Winzigkeit anders.

          Während das, was von den Protagonisten während der Reise gesagt wird, genau dem entspricht, wie wir alle über China denken: „Auf dem Land herrscht in Kirthan große Armut, nicht wahr? Wie in den anderen Provinzen auch, man liest es überall“, fragt ein Mitglied der Gruppe deren einheimischen Reiseleiter namens Nime. Der zuckt die Schultern und antwortet nicht. Keine zehn Seiten später wird er beim Besuch des prachtvollen Tempels umso beredter: „Nime hatte nun die Stimme eines Märchenerzählers, flüsterte von Kurtisanen und Erntetagen, Verbrennungen und Himmelsrichtungen und dem Mittelpunkt der Welt, der seit tausend Jahren mitten im Tempel ruht. Wir lauschten mit halb geschlossenen Augen, hier war sie, die erhabene Schönheit von Kirthan, hier und nicht in den verstopften Straßen und Betonsiedlungen, und den Mittelpunkt der Welt würden wir uns nicht entgehen lassen.“ Wenn deutsche Touristen in die Welt hinausziehen, wollen sie eine Fremde sehen, die ihnen vertraut ist, weil sie sich schon ein Bild von ihr gemacht haben. In keinem anderen Land werden mehr Reiseführer verkauft als bei uns.

          Annette Pehnt: „Alles was Sie sehen ist neu“. Roman. Piper Verlag, München 2020. 190 S., geb., 18,– €.
          Annette Pehnt: „Alles was Sie sehen ist neu“. Roman. Piper Verlag, München 2020. 190 S., geb., 18,– €. : Bild: Piper Verlag

          Wenn die Realität davon abweicht? Umso schlimmer für die Wirklichkeit. Und für eine Reiseleitung, die nicht einlöst, was man als zahlender Gast doch wohl erwarten darf, zumal als deutscher Kulturreisender. Für Zwischentöne ist da kein Raum, und die hat Nime denn auch nicht im Repertoire. Aber er selbst, diese Hauptfigur im Roman von Annette Pehnt, ist ein Zwischenton. Nime steht zwischen Ost und West, Zukunft und Vergangenheit, Stadt und Land. Er ist eine literarische Projektionsfigur, wie wir sie lange nicht gesehen haben, ein Meisterstück in Konzeption und Ausführung. Er ist der gute Mensch von Kirthan.

          Anfangs denkt man noch, es ginge in diesem Roman um die deutsche Reisegruppe. Das liegt einerseits an der Erzählstimme, die der Tochter des pensionierten Herrn gehört, die mit ihrem Vater seit dem Tod der Mutter jedes Jahr eine solche organisierte Kulturreise unternimmt, diesmal indes zum ersten Mal nach Asien. Andererseits liegt es an der Präzision des Gruppenporträts: Drei Ehepaare und drei Einzelreisende gehören außerdem mit zum Tross, und Annette Pehnt charakterisiert sie in ihren jeweiligen Persönlichkeiten äußerst subtil, obwohl wir nicht einmal alle ihre Namen erfahren. Nime ist da scheinbar nur Projektionsfläche ihrer Erwartungen an einen Reiseleiter. Und es gibt da auch noch Joe, den einheimischen Busfahrer, der aber auch des Deutschen mächtig ist. Elf Deutsche und zwei Kirthaner – da sollte doch klar sein, wo der Schwerpunkt liegt.

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