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Anne Frank: „Gesamtausgabe“ : Wie könnte ich sein, wenn es keine anderen Menschen gäbe?

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

In diesen Tagen erscheint ein umfangreicher Band mit sämtlichen Schriften von Anne Frank: Sie zeigen sie als ein Mädchen, das alle Möglichkeiten des Menschseins zu nutzen wusste.

          6 Min.

          Liebste Kitty, behalte den gestrigen Tag, er ist sehr wichtig für mein ganzes Leben.“ So schrieb Anne Frank am 16.April 1944. Am 1.August folgt der letzte Eintrag.

          Rasch hat man beim Lesen vergessen, dass es Kitty nicht gibt, dass sie eine Figur aus einem holländischen Jugendbuch ist, eine erdachte Freundin. Ob man sich selbst angesprochen fühlt? Jeder liest anders. Doch bleibt eines sicher – Veröffentlichung und Lektüre der Gesamtausgabe von Schriften der Anne Frank sind eine höchst komplexe Sache, der Band, der am 23.Oktober im S.Fischer Verlag erscheint und den der Anne Frank Fonds finanziert, macht das deutlich, ohne dass eigens darauf hingewiesen würde – und das ist gut so. Denn mag auch die Lektüre ein komplexer Vorgang sein, so ist sie zunächst vor allem mitreißend.

          Am 16.April 1944 wurde Anne Frank zum ersten Mal geküsst, Peter van Pels (im Tagebuch van Daan), der Sohn des ebenfalls im Hinterhaus Prinsengracht263 versteckten Ehepaars van Pels, küsste sie, da hatten die beiden schon fast zwei Jahre auf etwa sechzig Quadratmetern tagaus, tagein verbracht, sie waren sich auf die Nerven gegangen, sie hatten sich ignoriert, sie befreundeten sich, vielleicht befreundeten sie sich, um sich zu verlieben. Kaum auszudenken, wie viele Komplikationen so etwas mit sich bringt, auf diesem beengten Raum, dazu mit den Eltern, die in steter Spannung lebten, in andauernder, entsetzlicher Angst sowieso. Es gab zwei junge Mädchen, Anne und ihre Schwester Margot, und es gab einen Jungen, den siebzehnjährigen Peter.

          Nebensächlichkeiten im Schatten existenzieller Nöte

          Man hatte ihm vor der Treppe zum Dachboden eine Art Zimmer eingerichtet, oder er selbst hatte aus dem Durchgang etwas wie ein Zimmer gemacht, dort hinauf ging Anne, um ihn zu treffen, und es beschäftigte sie bald, was ihre Schwester dabei empfinden mochte, ihre Schwester, die doch sicherlich auch eine Neigung zu dem lieben und hübschen Jungen, wie Anne befand, hatte, nun aber zurückblieb, in jeder Hinsicht. Denn nicht sie, die Ältere, wurde zuerst geküsst, sondern ihre kleine Schwester. Und während Anne verliebt und selig war, saß Margot bei den Eltern.

          Die beiden Schwestern mussten sich ins Benehmen setzen über das, was geschah. Wie sie es taten, ist so bezeichnend, dass man die vielleicht nebensächliche Szene erwähnen muss – nebensächlich, wenn man an die existentiellen Nöte denkt, denen die Franks und van Pelsens und Tausende ausgesetzt waren.

          Erziehung zu mündigen Menschen

          Bezeichnend ist es für das Verhältnis der beiden Schwestern, aber auch für die ganze Familie, die Erziehung, die Werte, an denen sie festhielten. Anne schreibt Margot einen Brief. Margot antwortet, vier Briefe werden es insgesamt, Briefe, in denen Anne nachfragt, auch ein bisschen erzählt, in denen Margot sie beschwichtigt und ermutigt, die Freundschaft mit Peter zu genießen.

          Sie schreiben einander Briefe, weil es vielleicht leichter ist, schriftlich über etwas Heikles zu verhandeln, aber auch, weil sie es gewöhnt sind, Briefe zu schreiben, weil sie von Kind an daran gewöhnt sind, über sich selbst nachzudenken und sich zu artikulieren. Sie wurden erzogen, differenzierte, ausdrucksreiche Menschen zu sein, feiner Empfindungen fähig und grundlegend ausgestattet mit der Fähigkeit zur Distanz. Vielleicht muss man – vor allem mit Mirjam Presslers wunderbarem Buch „Grüße und Küsse an alle“ im Gedächtnis – sagen, es ist diese Mitteilsamkeit im ernstesten Sinne, die so beeindruckend ist.

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