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: Anna, laß mich rein, laß mich raus

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Martin Walsers neuer Roman, der erste nach seinem Wechsel von Suhrkamp zu Rowohlt, variiert ein weiteres Mal sein bekanntes Aventiuren-Schema von Alltag, Ausbruch und Rückkehr. Allerdings ist „Der Augenblick der Liebe“ keine Offenbarung, zum Glück auch kein Skandal, sondern nur eine Enttäuschung.

          Das Thema von Martin Walsers neuem Roman sind Übersetzungsprobleme. Mit dem Titel fängt das Dilemma bereits an: "L'Homme Maschine". Schon wenn man die Hauptschrift des Arztes und Philosophen La Mettrie "Der Mensch als Maschine" überschreibt, hat man ihn verfehlt. Und dann kann sich daran nur noch eine Kette von Mißverständnissen reihen. Etwas anderes als platter Materialismus ist nicht mehr zu erwarten, die ganze deutsche Rezeption seines Werkes folgerichtig eine einzige Fehlleistung. Bis zu Wendelin Krall. Unter diesem Namen hat Gottlieb Zürn, Exmakler und Antiheld aus Martin Walsers Romanen "Das Schwanenhaus" und "Jagd", einst zwei Aufsätze über La Mettrie verfaßt, die das Bild des Aufklärers geraderückten und ihn als Denker der beseelten Natur und Verteidiger der sinnlichen Erfahrung feierten.

          Diesen Krall will nun Beate Gutbrod, die an der University of North Carolina über La Mettries Wirkung in Deutschland promoviert, persönlich kennenlernen. Ein Kurzbesuch auf der Terrasse der Zürns reicht aus, um die beiden zu entflammen; der Forschungsgegenstand dient dabei zusammen mit einer Flasche Calvados als eine Art Katalysator, wie Klopstock einst Lotte und Werthern: "Der Animateur La Mettrie! Sie sei so unbescheiden zu vermuten, daß sie Zeuge einer Wiederbelebung geworden sei. Die sei La Mettries Werk. Wendelin Krall redivivus!" Tatsächlich aber muß Zürn fortan darüber nachdenken, wie die Doktorandin "scharf" mit drei f's aussprach und wie ihn ihre Schuhe aus Schlangenleder "attackierten": "Total tropisch beziehungsweise: die Schlange persönlich." Die junge Frau geht, der alte Zürn bleibt zurück und trinkt den Calvados leer. Es hat Zoom gemacht, soviel ist klar.

          Anna Zürn kennt ihren Gottlieb und weiß, was ihr nun blüht: Ihr Mann fährt aus der Haut, will sein "Scheinleben" verlassen und den Altersunterschied (sind es wirklich vierzig Jahre oder vielleicht nur 38?) vergessen: "Mut gibt's an Tankstellen. Fahr hin. Tanke. Dann los." Das tut ein Privatgelehrter natürlich nicht, sondern schreibt und telefoniert nach Amerika, wo Beate einen Kurs "Deutsch als Philosophensprache" absolviert, während sich die Seelenverwandtschaft der beiden "fernmündlich" - "von allen behördlich gezeugten Worten das schönste" - in eine tolle Liebesraserei und ein wahres Sprachfeuerwerk steigert.

          Der Praxistest der platonischen Affäre rückt plötzlich näher, als Zürn zu einem La-Mettrie-Kongreß nach Berkeley eingeladen wird. Beate übersetzt seinen Vortrag, mühevoll, aber bei der Ankunft des Geliebten gehen die Wortfindungsstörungen erst richtig los. Wie etwa heißt das da zwischen den männlichen Beinen: "Er nannte, was er zur Verfügung stellte, Ding, und fragte, wie sie sein Ding nenne." Schopenhauer habe es "geträumtes Unding" genannt. Gottlieb ist begeistert, doch Beate versteht offenbar nichts von Sprechakttheorie: "Sie wechselte jäh in die Aktivsprache: This is no time for talk, it's time for performance. Let's have it in English." Warum wird dann aber, was "blowjob" heißen müßte, hier unter "Munddienst" beziehungsweise blasphemisch unter "Kommunion" geführt?

          Das linguistische Fiasko setzt sich im Hörsaal fort: Zürns Rekonstruktion von La Mettries Kritik des Gewissens wird als unerhörter Versuch eines Deutschen verstanden, sich von seiner historischen Schuld reinzuwaschen. Die These, daß im wahren Gebrauch der Freiheit das Schuldgefühl wenigstens für Augenblicke verschwinde, wird politisch gelesen und skandalisiert - ausgerechnet von jenem Rick W. Hardy, der zuvor Beate selbstlos bei der Übertragung behilflich war: Traduttore, traditore. Überdies erleidet Zürn einen Stimmverlust - der feuchte kalifornische Traum wird zum Alb; er flieht zum Alkohol und hegt omnipotente Vernichtungsphantasien ("Dann laß ich euch alle köpfen. Das wird eine Überraschung."). Dann aber kehrt er reuig zurück und wird von Anna barmherzig aufgenommen: "Und gesagt werden mußte nichts."

          Martin Walsers neuer Roman, der erste nach seinem Wechsel von Suhrkamp zu Rowohlt, variiert ein weiteres Mal sein bekanntes Aventiuren-Schema von Alltag, Ausbruch und Rückkehr und benutzt dazu ein Alter ego, das ihm in mehrfacher Hinsicht besonders nahesteht: Zürn, wie Walser am Bodensee daheim und Vater von vier Töchtern, wenn auch gute zehn Jahre jünger, ist vielleicht die ideale Figur für einen Altersliebesroman, ja für einen Roman über "Altersgeilheit" - ein böses Wort, über das sich Zürn selbst gehörig erregt: "Geil, das war doch in jedem Alter die Stimmung, die nicht heraus durfte . . . Er hätte die Damen wirklich fragen müssen, warum ein Älterer, wenn er das war, was sie geil nannten, nicht einfach geil, sondern altersgeil war. Die haben da eine Ahnung parat. Du sollst nicht mehr, darfst nicht mehr. Die haben da eine Moral, die sie ästhetisch-sittlich drapieren."

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