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Anna Kavans Roman „Eis“ : Ein Job in der Apokalypse

Dagegen kommt der Mensch nicht an: Herbert Ponting nahm 1911 in der Antarktis den Barne-Gletscher auf. Bild: Getty

„Eis“, das Hauptwerk der 1968 verstorbenen Autorin Anna Kavan, erzählt von einer Welt in Auflösung, in der ein Abenteurer seiner verschollenen Freundin hinterherjagt. Jetzt erscheint der Roman erstmals auf Deutsch.

          3 Min.

          Ein Mann kommt aus dem Ausland zurück und will eine Freundin treffen, die er jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Was damals zwischen den beiden war, Sympathie oder mehr, ist nicht klar, aber dass sie inzwischen verheiratet ist, weiß der Mann. Auch was ihn antreibt, kann der Erzähler von Anna Kavans Roman „Eis“ nicht konsistent erklären, aber dass der Gedanke, die Ex-Freundin zu retten, dabei eine Rolle spielt, wird deutlich: vielleicht vor dem Mann, mit dem sie zusammenlebt und der eine zwielichtige Rolle spielt, ganz sicher aber vor einer Bedrohung, die die ganze Erde betrifft und um deretwillen er überhaupt in sein Heimatland gereist ist. Diese Gefahr ist das Eis, „das Tag für Tag über die Wölbung des Erdballs vorankroch, unbehindert von Ozeanen oder Gebirgen. Ohne Hast und ohne Pause rückte es stetig näher, bedrängte und erdrückte ganze Städte und füllte Krater, aus denen einst kochende Lava geströmt war. Nichts konnte die gewaltigen eisigen Bataillone aufhalten, in unerbittlicher Disziplin zogen sie über die Welt und zermalmten, verheerten und zerstörten alles auf ihrem Weg.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es beginnt ganz beiläufig: „Ich hatte mich verfahren“, das sind die ersten Worte des Romans, die den Ton anschlagen und zugleich einen Hinweis darauf geben, dass man es mit einem Erzähler zu tun hat, dem die Orientierung abhanden kommt und auf dessen Auskünfte man nicht bauen sollte. Zumal in seinen Bericht bald eine jähe Begegnung mit der Freundin am verschneiten Wegesrand eingestreut wird, seine Autoscheinwerfer zeigen ihm ihren nackten, im Eis eingeschlossenen Körper, was ihn nicht an der Weiterfahrt hindert – solche Bilder überfallen ihn häufig, sie gewinnen im Verlauf des Romans sogar noch an Gewicht, so dass die Entscheidung, was denn nun mit eher realistischem Anspruch erzählt wird und was davon abweichende Phantasien oder den Erzähler bedrängende Visionen sind, dem Leser überlassen bleibt.

          Eine Reise um die Welt

          Dessen Einsicht freilich in ein poetisches Konzept, in dem Kategorien wie „Wirklichkeit“ sinnlos sind, wächst mit der Lektüre auch. Zumal der Erzähler ohnehin Ländern und Menschen keine Namen gibt, sie sind durch Funktionen (wie „der Wächter“) oder ihre Beziehungen untereinander (wie „ihr Mann“) ausreichend charakterisiert. Was nicht heißt, dass die Handlung farblos wäre, im Gegenteil: Der Erzähler folgt den Spuren der Freundin über Länder und Kontinente, er sieht sie etwa an Bord eines Schiffes, in dem er selbst reist, kurz vor der Landung in einem felsigen Zwergstaat, wo sie aber von einem herrenmenschhaften Diktator, genannt „der Wächter“, ergriffen und in einer Festung verborgen gehalten wird. Andere Schauplätze lassen an karibische Strände oder Alpenpässe denken, in die sich der Erzähler auf der Suche nach der fragilen Entflohenen verirrt, immer wieder gelingt es ihm, zu dem blonden, dünnen, mitunter apathischen Mädchen zu gelangen und mit ihr zu fliehen, bevor er sie wieder an den Wächter verliert.

          Die Realität ist ungewiss

          All das ist von zunehmenden, virtuos gezeichneten Verfallserscheinungen der Welt begleitet, von der Naturkatastrophe sowieso, aber auch von Aufruhr, Terror, undurchsichtigen Guerrillakriegen, Spionage, Hunger und Verrat. „Es war kaum zu glauben“, heißt es einmal während einer halsbrecherischen Geheimmission, „dass die Station tatsächlich in Betrieb war, dass irgendetwas tatsächlich funktionierte. Ich spürte das Ungewisse der Realität in meiner Umgebung und in mir selbst. Was ich sah, hatte keinen Bestand, alles war aus Dunst und Nylon, nichts war dahinter.“ Stärker konturiert als alles, was der Erzähler in der äußeren Welt beschreiben könnte, sind daher die Bilder seines Inneren, das, was er an Furcht, Verwirrung, Hass und Gewaltphantasien in sich trägt, während es mit Empathie oder gar Liebe nicht weit her ist. Einzig dem „Wächter“ gegenüber, seinem finsteren Gegenspieler und Spiegelbild, hegt er eine Art hündische Zuneigung, während das Mädchen aus nachvollziehbaren Gründen von beiden genug hat: „Ich bleibe hier, wo ich frei bin“, sagt sie zum Erzähler, der sie mit sich nehmen will, „du kannst mich nicht zwingen.“ Aber genau das tut er.

          Anna Kavan: „Eis“. Roman.
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz. 
Verlag Diaphanes, Zürich 2020. 184 S., geb., 18,– €.
          Anna Kavan: „Eis“. Roman. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz. Verlag Diaphanes, Zürich 2020. 184 S., geb., 18,– €. : Bild: Diaphanes

          Anna Kavan (1901 bis 1968) ist im angelsächsischen Sprachraum eine feste Größe der phantastischen Literatur. In Deutschland sind nur wenige ihrer Texte erschienen, darunter der schmale autobiographisch grundierte Roman „Wer bist du?“, der ein ähnliches Spiel mit den Realitätsebenen der Handlung anbietet, aber darin kaum an „Eis“ heranreicht, ihr Hauptwerk, das erst jetzt auf Deutsch erscheint. Wie sich der bis zur Auflösung seiner Person hin unzuverlässige Erzähler immer weiter in die andrängende Bilderflut verstrickt, ist meisterlich entworfen und durchgeführt – „ich hatte das eigenartige Gefühl, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu leben; die Überschneidung dieser Ebenen war verwirrend“, hält er fest. Kavan gewinnt der Sache auch komische Seiten ab, etwa wenn der Erzähler einmal neben dem allmächtigen „Wächter“ in dessen Regierungsflugzeug sitzt, gerade das Geheimwissen vom Untergang der Menschheit in wenigen Tagen empfangen hat und überlegt, wie er den Herrscher am besten nach einem Job fragt.

          Ist denn das nicht längst egal, so wie alles andere auch? Dass es das nicht ist, allen relativierenden Handlungsphantasien zum Trotz, dass gerade aus ihnen das erwächst, was Bestand hat, macht die Klasse dieses Romans aus. Es sei im Bürgerkrieg „unmöglich zu unterscheiden zwischen Gewalttätern und Opfern. Unterschiede spielen im Todesreigen keine Rolle mehr, alle Tänzer drehen sich im Kreis am Rand des Nichts“, sagt der Erzähler. Das Mädchen, unverstanden von ihm und vom „Wächter“, den beiden Tatmenschen des Romans, muss das anders sehen. Kavan verleiht ihr durch die Suada ihres Erzählers hindurch genügend Konturen, um ihre Perspektive auch dem Leser eindringlich zu vermitteln.

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