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Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg : Was übel anfängt, geht auch böse aus

Bild: Suhrkamp Verlag

Anna Katharina Hahn erhebt die Kinderlosigkeit zum Exempel für das bürgerliche Problem des ungelebten Lebens. Ihr Roman „Am Schwarzen Berg“ ist eine ebenso gruselige wie großartige Milieustudie.

          5 Min.

          Was für ein Anfang! Ein Schlag in die Magengrube und ins Kontor. Der ganzen Menschheit Jammer fasst uns an und lässt uns zurückschrecken. Ist so viel Unglück nicht ansteckend? Was, wenn auch unser Seelenhaushalt aus der Balance gerät, unsere kunstgerecht geschönten Lebensbilanzen in Mitleidenschaft gezogen werden? Wir sind fasziniert und abgestoßen, folgen dem Gang der Dinge schwankend und gebannt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dabei ist das Schicksal, das sich auf den ersten Seiten von Anna Katharina Hahns Roman „Am Schwarzen Berg“ entfaltet, auf den ersten Blick ein alltägliches, durch und durch prosaisches. Ein Mann, den seine Lebensgefährtin unter Mitnahme der Kinder verlassen hat, zieht wieder bei seinen Eltern ein. Er ist unrasiert und hat wohl nicht gesund gelebt. Als er den Kofferraum auslädt, wird ein Ausschlag auf dem Rücken sichtbar. Der „schlammverschmierte Glasbehälter“, den er aus dem „rostigen Fiat“ hebt und mit Mühe zur Haustür schleppt, ist ein Aquarium. Nun ja, das ist rührend und lächerlich, also normal, dass man sich an ein solches Erinnerungsstück klammert, ein Modell der heilen Welt. Furchtbar wird das Ganze dadurch, dass wir es mit den Augen Emils, des Nachbarn, sehen und dass wir sehen, wie Emil es von seinem Balkon aus beobachtet. Im Ungesunden und Ungepflegten der Erscheinung dieses Peter, den Emil schon als kleinen Jungen kannte, sieht er Vorzeichen des Unheils. Wir ahnen, dass diese übergriffige Sorge, diese Phantasie der Identifikation, die das Objekt verloren gibt, das sie weder festhalten noch loslassen kann, ihren Anteil am Unglück hat. „Emil umklammerte das Geländer mit beiden Händen, fühlte den brüchigen Lack.“

          Zur Nachempfindung dienen Rückblenden

          Im Kosmos dieses Romans wimmelt es von porösen Oberflächen. Die Personen fühlen, dass der Anstrich von Alltagssicherheit abblättert, der doch ersichtlich Mimikry war, durchschaubare Tarnung. Über zwei Kapitel dehnt der Roman den Bericht über Emils Wacht auf dem Balkon. Am Anfang hält sich Emil noch am Geländer fest, am Ende kauert er hilflos auf dem ungefegten Boden, und seine Frau Veronika muss ihn aufheben. Eine Studie über Scham und Enthemmung: Fast unerträglich präzise schildert Anna Katharina Hahn jedes physiologische Detail an diesem Häufchen Elend. Wie Veronika ihrem Mann zunächst nicht aufhilft, darin steckt schon die ganze Geschichte dieser Ehe, einer auf Wegsehen gegründeten Symbiose von Alkoholikern.

          Damit wir nachempfinden, wie die Qual des Beobachters im Balkonversteck sich hinzieht, werden Rückblenden eingeschoben: Emils letzter Besuch bei Peter, der Einzug von Peters Familie ins Nachbarhaus. Als Dr. Hans-Joachim Rau 1979 das Haus am Waldrand in Besitz nahm, sah sein Nachbar, wie der Daimlerbesitzer „mit dem Fuß gegen den bröckelnden Putz“ trat. Das Haus in einem kleinbürgerlichen Viertel, in dem Raus Sohn, der nicht Medizin studieren wollte, dreißig Jahre später eine Wohnung bezog, ist ein dreistöckiger Nachkriegsbau „mit vermoostem Dach und bröckelndem blauem Verputz“.

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