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Anke Stelling: Horchen : Echte Männer gibt es nur noch im Osten

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Bild: Verlag

Alt und Jung, Macho und Mauerblümchen: In „Horchen“ lässt Anke Stelling zusammenwachsen, was nicht zusammengehört. Der Roman erzählt die Passionsgeschichte einer jungen Frau auf der Suche nach einem ganzen Kerl.

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          Der Osten Deutschlands ist offenbar eine Landschaft blühender Vaterkomplexe, ein fremder Kontinent, in dem die alte Ballade von der sexuellen Hörigkeit noch Erlösung von spätbürgerlicher Dekadenz und antiautoritärer Erziehung verspricht. In Katja Oskamps Roman „Hellersdorfer Perle“ verlässt eine Schauspielerin aus der Latte-macchiato-Boheme über Nacht Kind, Mann und Freunde, um sich in einer versifften Kneipe im östlichsten Osten Berlins frag- und willenlos einem alten Mann mit Krückstock, Bauarbeiterhänden und groben Manieren hinzugeben. Noch tiefer sinkt nun eine Theaterwissenschaftlerin aus der schwäbischen Provinz in Anke Stellings Roman „Horchen“. Im östlichen Sachsen, einem unwirklich leuchtenden Paradies am Rande der Welt, wirft sich die aufgeklärt agnostische Dreißigjährige aus linksalternativem Elternhaus einem Betbruder an den Hals.

          Vielleicht ist es das Drama des begabten Kindes. In Ulla Lenzes „Archanu“ verliebte sich kürzlich eine hochintelligente Gymnasiastin auf dem religiösen Selbsterfahrungstrip in einen einfühlsamen Sektenbeauftragten; er taugte weder als Vaterfigur noch als Liebhaber. Anke Stellings Katja, schon als Einserschülerin so klug, dass sie „kotzen“ wollte, sucht nicht Gott oder Gurus, aber doch auch Halt, Sinn und Erlösung vom Denken. Sie findet einen - jungen und gutgebauten - Sektenapostel, der ihr die gelangweilte Seele und den lästigen Geist aus dem ungeliebten Leib prügelt und vögelt. „Du siehst müde aus, Mädchen“: Ein einfaches Wort, ein Mann, der weiß, wo's langgeht, und schon ist es um die Kinder der kritischen Vernunft geschehen. „Was ihr uns mitgeben wolltet“, schreibt Katja an ihre verständnisvollen Achtundsechziger-Eltern, „hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe in mich hineingehorcht und entschieden, alle Freiheiten, das Recht auf Selbstbestimmung und die Chancen der Gleichberechtigung an euch zurückzugeben und mich ganz dem himmlischen Herrn zu unterwerfen. Was ihr versucht habt, war ein Experiment, das in meinem Fall leider gescheitert ist.“

          Ostdeutschland ist ein Hort dunkel lockender Mythen und Märchen

          Schon in ihrem Roman „Nimm mich mit“ beschrieb Anke Stelling, damals noch zusammen mit Robby Dannenberg, eine unmögliche Amour fou zwischen einem Stuttgarter Studienrat und einer Leipziger Fixerin. Auch diesmal wächst, kaltblütig erzählt, zusammen, was nicht zusammengehört: Alt und Jung, Macho und Mauerblümchen, hypertropher Intellekt und bewusstloses, dumpfes Sein, das saturierte, linksliberale Bürgertum des Westens und die Randgruppen und Unterschichten im Osten. Ostdeutschland ist in „Horchen“ ein Hort dunkel lockender Mythen und Märchen, vor deren roher Kraft und wütender Inbrunst eine hohle Konsum- und Therapiegesellschaft kapituliert. Die evangelikale Sekte ist nur ein Betkreis strenggläubiger Spießer, ihr Geruch der Heiligkeit ein Miasma aus Fünfziger-Jahre-Mief, Essensdünsten und ranzigen Blümchengardinen.

          Gernot aber, ein Mann wie aus dem Feindbilderbuch der Frauenbewegung, ist der leibhaftige Versucher, eine Naturgewalt in Missionarsstellung: Er fordert Demut, Gehorsam und schweigende Hingabe, wenn er mit Katja schläft, sie als schmutzige Schlampe beschimpft und beim Baden wie ein falscher Täufer unter Wasser drückt. Selbst wenn er sie putzen, kochen und das Vaterunser aufsagen lässt, fühlt Katja sich noch wie Eva im Paradies, frei und leicht wie nie. Sie glaubt nicht, aber als Magd des Herrn sagt sie nicht nur nach dem Sex halleluja und amen. „Der Mann ist das Haupt der Frau“ steht in der Bibel.

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