https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/anke-stelling-horchen-echte-maenner-gibt-es-nur-noch-im-osten-11007089.html

Anke Stelling: Horchen : Echte Männer gibt es nur noch im Osten

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Der Osten Deutschlands ist offenbar eine Landschaft blühender Vaterkomplexe, ein fremder Kontinent, in dem die alte Ballade von der sexuellen Hörigkeit noch Erlösung von spätbürgerlicher Dekadenz und antiautoritärer Erziehung verspricht. In Katja Oskamps Roman „Hellersdorfer Perle“ verlässt eine Schauspielerin aus der Latte-macchiato-Boheme über Nacht Kind, Mann und Freunde, um sich in einer versifften Kneipe im östlichsten Osten Berlins frag- und willenlos einem alten Mann mit Krückstock, Bauarbeiterhänden und groben Manieren hinzugeben. Noch tiefer sinkt nun eine Theaterwissenschaftlerin aus der schwäbischen Provinz in Anke Stellings Roman „Horchen“. Im östlichen Sachsen, einem unwirklich leuchtenden Paradies am Rande der Welt, wirft sich die aufgeklärt agnostische Dreißigjährige aus linksalternativem Elternhaus einem Betbruder an den Hals.

          Vielleicht ist es das Drama des begabten Kindes. In Ulla Lenzes „Archanu“ verliebte sich kürzlich eine hochintelligente Gymnasiastin auf dem religiösen Selbsterfahrungstrip in einen einfühlsamen Sektenbeauftragten; er taugte weder als Vaterfigur noch als Liebhaber. Anke Stellings Katja, schon als Einserschülerin so klug, dass sie „kotzen“ wollte, sucht nicht Gott oder Gurus, aber doch auch Halt, Sinn und Erlösung vom Denken. Sie findet einen - jungen und gutgebauten - Sektenapostel, der ihr die gelangweilte Seele und den lästigen Geist aus dem ungeliebten Leib prügelt und vögelt. „Du siehst müde aus, Mädchen“: Ein einfaches Wort, ein Mann, der weiß, wo's langgeht, und schon ist es um die Kinder der kritischen Vernunft geschehen. „Was ihr uns mitgeben wolltet“, schreibt Katja an ihre verständnisvollen Achtundsechziger-Eltern, „hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe in mich hineingehorcht und entschieden, alle Freiheiten, das Recht auf Selbstbestimmung und die Chancen der Gleichberechtigung an euch zurückzugeben und mich ganz dem himmlischen Herrn zu unterwerfen. Was ihr versucht habt, war ein Experiment, das in meinem Fall leider gescheitert ist.“

          Ostdeutschland ist ein Hort dunkel lockender Mythen und Märchen

          Schon in ihrem Roman „Nimm mich mit“ beschrieb Anke Stelling, damals noch zusammen mit Robby Dannenberg, eine unmögliche Amour fou zwischen einem Stuttgarter Studienrat und einer Leipziger Fixerin. Auch diesmal wächst, kaltblütig erzählt, zusammen, was nicht zusammengehört: Alt und Jung, Macho und Mauerblümchen, hypertropher Intellekt und bewusstloses, dumpfes Sein, das saturierte, linksliberale Bürgertum des Westens und die Randgruppen und Unterschichten im Osten. Ostdeutschland ist in „Horchen“ ein Hort dunkel lockender Mythen und Märchen, vor deren roher Kraft und wütender Inbrunst eine hohle Konsum- und Therapiegesellschaft kapituliert. Die evangelikale Sekte ist nur ein Betkreis strenggläubiger Spießer, ihr Geruch der Heiligkeit ein Miasma aus Fünfziger-Jahre-Mief, Essensdünsten und ranzigen Blümchengardinen.

          Gernot aber, ein Mann wie aus dem Feindbilderbuch der Frauenbewegung, ist der leibhaftige Versucher, eine Naturgewalt in Missionarsstellung: Er fordert Demut, Gehorsam und schweigende Hingabe, wenn er mit Katja schläft, sie als schmutzige Schlampe beschimpft und beim Baden wie ein falscher Täufer unter Wasser drückt. Selbst wenn er sie putzen, kochen und das Vaterunser aufsagen lässt, fühlt Katja sich noch wie Eva im Paradies, frei und leicht wie nie. Sie glaubt nicht, aber als Magd des Herrn sagt sie nicht nur nach dem Sex halleluja und amen. „Der Mann ist das Haupt der Frau“ steht in der Bibel.

          „Emanzipatorische Kinderlieder“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein pensionierter Sportlehrer leitet den Kurs „Fit im Alter“ im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.
          Stahlproduktion in Duisburg

          Wirtschaftslage in Deutschland : Wie schlimm wird die Rezession?

          Die deutsche Wirtschaft kommt trotz Energiekrise ohne katastrophale Schäden durch die kommenden Monate, versprechen Forscher. Doch in den Unternehmen geht die Angst um.
          Verena Hubertz, 34, ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag.

          Verena Hubertz : Plötzlich mächtig

          Gerade hat Verena Hubertz ein Start-up gegründet. Nun ist sie die wichtigste Wirtschaftspolitikerin der Kanzlerpartei. Eine Karriere mit Giga-Geschwindigkeit.
          Pflicht erfüllt: Lionel Messi und Argentinien gewinnen gegen „El Tri“ aus Mexiko.

          2:0 gegen Mexiko : Argentinien wendet vorzeitiges Aus ab

          Superstar Lionel Messi führt Argentinien zum dringend benötigten Sieg über Mexiko. Der Superstar macht für die „Albiceleste“ den Unterschied. Weltklasse ist aber nur die Stimmung auf den Rängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.