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Anita Albus: Im Licht der Finsternis : Auf der Suche nach der höchsten Wahrheit

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Der Natur die Kunst einschreiben: Anita Albus hat mit „Im Licht der Finsternis“ eines der erstaunlichsten Bücher über Marcel Proust vorgelegt. Übersät mit Neuigkeiten, stellt es eine Vielzahl bisher unbemerkter Bezüge her.

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          Adorno beginnt seinen Aufsatz „Kleine Proust-Kommentare“ so: „Gegen kleine Kommentare zu einigen Abschnitten aus der ,Suche nach der verlorenen Zeit' ließe sich sagen, dass bei dem verwirrend reichen und krausen Gebilde der Leser mehr der orientierenden Überschau bedürfe, als dass er noch tiefer ins Einzelne verstrickt werden möchte, aus dem ohnehin nur schwer und mühsam der Weg zum Ganzen sich bahnen ließe. Der Einwand scheint mir der Sache nicht gerecht zu werden.“

          Tatsächlich können nur die Einzelheiten den Weg weisen. Denn „die produktive Kraft zur Einheit ist identisch mit dem passiven Vermögen, schrankenlos, ohne Rückhalt ans Detail sich zu verlieren“. Das gilt auch für den „produktiven“ Leser. Der hat nun ein Buch über Proust-Lektüre geschenkt bekommen, das ihm dringend nahelegt, sich an die Einzelheiten zu verlieren - um dadurch aufs erstaunlichste zu einem Begriff von der Einheit des Proustschen Werkes zu gelangen.

          Mit zauberischer Sicherheit

          Die Konzentration auf die Einzelheit erscheint in der „Recherche“ unter anderem auch in ironischer Beleuchtung als Caprice des Schriftstellers Bergotte, der ein Werk, das er loben will, immer mit dem Bezug auf ein entlegenes Detail charakterisiert. „Da kommt ein kleines Mädchen vor mit einem orangefarbenen Schal. Das ist gut, das ist gut!“ Oder: „Ja, genau, da gibt es eine Stelle, wo ein Regiment durch eine Stadt marschiert, jawohl, das ist gut!“ Das ist bei aller ästhetischen Plausibilität - woran erinnern wir uns bei Romanen? - komisch. Aber wir wissen: Ganz im Ernst wird Bergotte in einer Kunstausstellung sterben vor Vermeers „Gezicht op Delft“, hingerissen fasziniert von einer ganz kleinen Einzelheit der Malerei, der „kleinen gelben Mauerecke“: „So hätte ich schreiben sollen . . .“

          Anita Albus hat mit „Im Licht der Finsternis“ eines der erstaunlichsten Bücher über Proust vorgelegt. Es ist übersät mit Neuigkeiten, es stellt eine Vielzahl bisher unbemerkter Bezüge her, die eine neue Perspektive auf die vertraute Landschaft des OEuvres eröffnen. Frappierend ist für den Leser, wie unbekümmert die Interpretin hier ganz und gar von ihren eigenen leidenschaftlichen Neigungen (par excellence der zur Naturkunde, zu den Vögeln, den Insekten, den Pflanzen) ausgegangen ist - um mit zauberischer Sicherheit bei der Sache anzukommen.

          Gewalt des Komischen und der kühlen Melancholie

          Die Proust-Interpretation hat sich lange ausführlich mit jenen großen Parametern des Werks beschäftigt, die unsere Gegenwart am unmittelbarsten interessiert haben: dem Sexuellen (mit besonderer, von Proust vorgegebener Betonung der „Perversion“) und dem Politischen (dem ungeheuren Schatten der Affäre Dreyfus und dem Antisemitismus). Wenig Einzelzüge der „Recherche“ sind den Lesern geläufiger als die hier einschlägigen Schlüsselepisoden: etwa das Balzritual und der Liebesakt zwischen den vom Zufall zusammengeführten, aber einander sofort „erkennenden“ Charlus und Jupien (“Sie haben einen richtig dicken Arsch“) oder die maliziöse Suffisance der Konversation im Salon der Guermantes: „Sie wissen ja wohl, weshalb man die Beweise für Dreyfus' Verrat nicht offenlegt. Er ist der Liebhaber der Gattin des Kriegsministers, wie man hört.“ - „Ach ja? Und ich dachte, von der Frau des Ministerpräsidenten.“

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