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Anita Albus: Im Licht der Finsternis : Auf der Suche nach der höchsten Wahrheit

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Das Andere, das jeder Vergleich bei Proust so erstaunlich eröffnet, ist textgenetisch gewiss oft der Sphäre mittelalterlicher Frömmigkeit verbunden. Ob es aber nicht lediglich kraft des Zaubers der Tradition und durch den bei aller sardonischen Gesellschaftsskepsis tiefen Respekt vor dem Hergebrachten bei Proust so gerne eine religiöse Form annimmt, ist eine schwierige, vielleicht unmöglich ganz zu entscheidende Frage. Wie soll man etwa Prousts Brief an Jacques Rivière vom Februar 1914 interpretieren, in dem er seinen Roman als „dogmatisches Werk“ im Dienste der „WAHRHEIT“ bezeichnet? Die Leser von Proust und Anita Albus werden sich über solche Fragen lange unterhalten können.

Was bedeuten die Kirchen?

Was bedeutet es, wenn der Autor beim Nahen des Todes dem frommen Francis Jammes schreibt, er möge zum heiligen Joseph beten, dass er ihm das Sterben leichtmache? Ist dies Evidenz eigener tiefer Frömmigkeit, ist es ein weiteres Zeugnis von Prousts großer, liebevoller Freundeshöflichkeit, ist es eine demütige Metapher? Angesichts des Todes eines Menschen sollte alles klar werden, aber wird es das? Die Letzte Ölung hat Proust offenbar nicht erhalten. Aber er hatte gebeten - am Ende vergaß das Céleste allerdings -, dass man ihm auf dem Totenbett einen Rosenkranz in die Hände legen sollte. Doch war es wiederum ein ganz bestimmter Rosenkranz, ein Erinnerungsobjekt, gesättigt mit Freundschaft, ein Geschenk der sarkastischen Lucie Faure.

Was bedeutete ihm dieser Gegenstand? Was bedeuten die vom Erzähler so geliebten Kirchen in der „Recherche“? Wenn der Kirchturm von Saint-Hilaire als zartester Strich am Horizont sichtbar wird, ist es, als habe ein Fingernagel ihn an den Himmel geritzt, weil er der Landschaft, „diesem Bild aus nichts als Natur ein kleines Zeichen der Kunst einbeschreiben wollte, diese einzige Andeutung des Menschlichen . . .“.

Sinnlichkeit und Reflexion

Dass unter den Baumaterialien dieser aus mannigfachen Spolien zusammengefügten Romankathedrale so viele Bruchstücke aus Linné und dem Physiologus, aus Fabres Insektenporträts und der scholastischen Spekulation sind, das hat niemand bisher so präzise erkannt und mit solch beiläufiger Gelehrsamkeit erzählt. Die Rezension kann den heiteren und tiefernsten Reichtum des Buches nur andeuten. Es ist gesättigt mit der Glut seiner naturkundlichen Verliebtheit; wenn ich das Titelbild - aus einem Kodex des fünfzehnten Jahrhunderts: die erste Illumination aus René von Anjous „Buch der Liebe“ - richtig interpretiere, steht es ganz im Zeichen des Pagen, der den Amor begleitet, welcher dem schlafenden und träumenden René, der sich auf eine Ritterfahrt aufmachen wird, das Herz aus der Brust nimmt.

Der Page heißt „ardent désir“, glühendes Begehren. Wonach? Nach den Freuden des vielfachen Schriftsinns, nach dem Punkt, wo Sinnlichkeit und Reflexion zusammenkommen. Nach dem Ganzen und den Einzelheiten und dem Ganzen durch die Einzelheiten. Die Einzelheiten werden hier wie mit angehaltenem Atem studiert. Der Leser gerät willig auf mysteriöse Nebenwege zielbewusster Suche. Er wird nach dieser Lektüre Proust nie mehr lesen wie zuvor.

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