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Anita Albus: Im Licht der Finsternis : Auf der Suche nach der höchsten Wahrheit

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Naturlehre und religiös-moralische Symbolik

In einer wunderschönen Passage zu Beginn des „Recherche“-Teils „Die Gefangene“ wird das Babel der „cris de Paris“, der Kaufrufe auf der Straße, beschrieben. Dieses Konzert der ohne Unterlass ihre alten Kleider oder ihr Gemüse anbietenden Händler erinnert den lauschenden Erzähler an alte Kirchen, Kadenz und Wiederholung der Rufe scheinen liturgisch. Anita Albus erwähnt die „gregorianische Artischockenanpreisung“ dieser Szene in einer Fußnote (übrigens: Sagt nicht Jupien in einem kurzen Moment der Eifersucht, als Charlus nach dem Beischlaf sich allzu interessiert nach den Laufburschen des Viertels erkundigt: „Sie haben ein Artischockenherz“?) Wie alle Wunderkammern ist die „Recherche“ eine Schule der Wahrnehmung, deren hauptsächliche Erkenntnisstrategie das unerwartete Nebeneinander und Ineinander ist.

Der Bedeutung jener Tradition für Proust - bisher in Einzelzügen bekannt, nie zuvor mit solcher Konsequenz vorgeführt - ist unbestreitbar. „Eine poetische Intuition verwandelt sich in eine biologische Analogie“, schrieb Curtius. Und umgekehrt, möchte man hinzufügen, und außerdem sind beide Teil eines großen, weit in Mittelalter und Antike zurückreichenden Bezugssystems aus Etymologie, Naturlehre und religiös-moralischer Symbolik. Die Pflanzen und Insekten, denen wir gleichen, bevölkern den Roman, und während Charlus Jupien verfolgt, naht die Hummel (die der Erzähler eigentlich beobachten wollte und deren Summen dem Gepfeife des Barons gleicht) sich der Blüte.

Proust war ein gläubiger Mensch

Metapher, Analogon, Leitmotiv, Allegorie - „das ganze Riesenwerk Prousts ist ein einziger ausgedehnter Vergleich und dreht sich um die Wörter ,als ob'“. So schrieb Nabokov; was aber dieses „als ob“ bedeutet, das fügt er in einer Fußnote hinzu: „Middleton Murry hat gesagt, wenn man genau sein wolle, sei man gezwungen, metaphorisch vorzugehen.“ Das kontinuierliche „als ob“ Prousts, die Herrschaft des Vergleichs, steht im Dienst der seherischen Genauigkeit, der ansonsten nicht zu habenden höheren Wahrheit.

Anita Albus legt uns nahe, diese höhere Wahrheit bei Proust als eine höchste zu sehen: die der Religion. Für sie ist gewiss, dass Proust - gerade auch in seiner Anstrengung als Künstler - ein gläubiger Mensch war. Das ist für die communis opinio der Forschung fast ein Skandalon. „Einmal verherrlicht Proust mittelalterliche Meister, die in ihren Kathedralen Zierate so verborgen angebracht hätten, dass sie wissen mussten, es werde nie ein Mensch sie erblicken. Die Einheit ist keine fürs menschliche Auge veranstaltete . . ., erst einem göttlichen Betrachter würde sie offenbar.“

Tiefer Respekt vor dem Hergebrachten

Das schrieb nun wiederum Adorno. Der Konjunktiv seines „würde“ markiert den Punkt, an dem wohl die meisten Leser innehielten: Man nimmt diese starke Metapher nicht existentiell wörtlich. Die religiöse und die profane Lesart begegnen sich aber in dem ganz Anderen, das Prousts Vergleiche einfordern, dessen „als ob“ auf einer Andersartigkeit insistiert, deren Erstaunlichkeit wir vergessen haben. Durch Adornos Essay spukt der mittelalterliche Mönch, der seinem Ordensbruder versprochen hat, ihm nach dem Tode zu erscheinen und ihm zu sagen, wie es drüben sei. Er stirbt, hält sein Versprechen und sagt: „Totaliter aliter.“ Gänzlich anders.

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