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Anita Albus: Im Licht der Finsternis : Auf der Suche nach der höchsten Wahrheit

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Diese Schilderungen des Gesellschaftlichen sind von einer solchen Präzision und Gewalt des Komischen und der kühlen Melancholie, dass sie den Leser dazu verleiten könnten, sich von ihrer Vordergrundpräsenz überwältigen zu lassen. Doch ist der Roman aus inneren Strukturen und Motivgeflechten aufgebaut, auf einer Technik der kumulativen Wiederkehr von psychologischen und poetologischen Bezügen, mit denen Proust Erinnerung beschwören will, „wiedergefundene Zeit“.

Bisher unerreichte Intimität

Die ganze „Recherche“ zielt darauf hin und baut auf der Erkenntnis auf, dass wir uns im Leben durch die Gegenstände unserer Beobachtung definieren, die erst in der Erinnerung ihre Leuchtkraft erhalten. Und dass unsere Erleuchtung mit der Durchdringung unserer eigenen Kognitionsprozesse zusammenhängt. Ein oft düsteres Panorama verstreichender, verstrichener Zeit enthüllt sich, plötzlich an unvorhersehbaren Punkten von einem blendenden Licht erhellt, an anderen beschienen von kleinen epiphanischen Merkwürdigkeiten.

Anita Albus lehrt den Leser nun, in welchem Maße diese Methodik Prousts, sein „Anliegen“, zusammenhängt mit Naturbeobachtung und mit Rückgriffen auf eine, summarisch gesagt, mittelalterlich-frühneuzeitliche Tradition. Markante biographische Zeugnisse sind etwa seine Verehrung für Ruskin (den er übersetzte) und dessen Studien zur Gotik, seine Lektüre von Èmile Mâles großem Werk über die religiöse Kunst Frankreichs im dreizehnten Jahrhundert, seine Bewunderung für Fabres Insektenstudien (die Grabwespe!). Sie führt hierbei weit über das Bekannte hinaus - so kann sie zeigen, dass sich bereits bei Ruskin eine frappante Beschreibung der für Proust so bedeutsamen Weißdornblüte findet. An vielen Punkten des Romans kann man unter ihrer Anleitung mit bisher unerreichter Intimität, wie von innen, die Technik verfolgen, mit welcher der Romancier seine ungeheure Arbeit ins Werk setzt.

Das Schöne ist nie autonom

Ernst Robert Curtius: „Man könnte die großen Gesellschaftsschilderer der Literatur danach einteilen, ob sie das soziale Reich als Fauna sehen, als Menagerie - oder als Flora, als Vegetation. Bei Proust herrscht die letztere Betrachtungsweise, die botanische, und sie ist bei ihm ausgeprägt in einem Grade, wie er sich wohl bei keinem anderen Autor findet.“ Dies demonstriert Albus nicht nur anhand der bekannteren „Recherche“-Beispiele (der Orchidee, dem Weißdorn), sondern an vielen anderen - besonders schön am Spargel in der Caritas-Szene. Wer eine erstaunliche Probe dessen aufschlagen möchte, was hier die botanische Analyse vermag, könnte nachlesen, was über Flieder und Cassis - die jeweils am Klofenster winken - in den beiden Fassungen der Onanieszene des jungen Marcel gesagt wird.

Die geduldige Analyse scheinbar marginaler Details, die Erlösung verborgener Zusammenhänge führt bei Anita Albus in die Kathedralarchitektur mittelalterlicher Religion und Philosophie (was ja identisch ist). Die Ästhetik ist in dieser Sphäre - wie mit einem scharf pointierten Motto von Curtius gleich zu Beginn in Erinnerung gebracht wird - immer Teil eines religiösen Gesamtzusammenhanges, das Schöne nie autonom. Auch die sinnliche Erfahrung gehört, was wir vergessen haben, unmittelbar in einen Gnadenzusammenhang. Es ist unzweifelhaft, dass Proust durch eine Vielzahl von Lektüren und Anschauungen aufs Genaueste über dieses Weltbild informiert war, und es ist evident, welche Bedeutung das „Kirchliche“ in den Romanbeschreibungen hat.

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