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: Animal spirits

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"Die Habsucht der Reichen vernichtet die Staatsverfassung", meinte schon Aristoteles. Seit dem frühen Christentum zählt man die Habgier (avaritia) zu den sieben Todsünden. "Das Verlangen zu besitzen ist die Ursache für die Gier", analysiert eine Sammlung von Sentenzen aus dem 2. Jahrhundert nach ...

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          "Die Habsucht der Reichen vernichtet die Staatsverfassung", meinte schon Aristoteles. Seit dem frühen Christentum zählt man die Habgier (avaritia) zu den sieben Todsünden. "Das Verlangen zu besitzen ist die Ursache für die Gier", analysiert eine Sammlung von Sentenzen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.

          Es ist die Maßlosigkeit, welche das Gemeinwesen bedroht, behaupten die Moralisten bis heute. Mit Maßhalteappellen versuchen sie, die menschliche Natur im Zaum zu halten. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith lobt zwar das egoistische Profitinteresse, hütet sich aber davor, die Gier zu preisen. Smith und seine Nachfolger sind der Auffassung, dass es eine dem Menschen "inhärente" Gesetzmäßigkeit zur Mäßigung gibt.

          Doch wer will wissen, wann das Maß überschritten ist? Dass die Gier es zu weit getrieben hat, stellt sich immer erst im Nachhinein heraus. Mehr noch: Gehört nicht die Profitgier zutiefst zum Wesen des Kapitalismus? Darin stimmen Karl Marx (1818 bis 1883) und Bernard Mandeville (1670 bis 1733) überein. Sie kommen allerdings zu völlig entgegengesetzten Schlussfolgerungen. Für Karl Marx erweist sich in der Gier die Verderbtheit der Geldwirtschaft, welche die menschliche Natur zerstört: "Was ich zahlen kann, das bin ich. Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht hässlich." Daraus kann nur folgen, dass der Kapitalismus zu überwinden ist. Mandeville dagegen ist wie der Wall-Street-Held Gordon Gekko ("Gier ist gut") der Überzeugung: "Stolz, Luxus und Betrügerei muss sein, damit das Volk gedeih." Private Laster, Luxus und Ausschweifungen bringen am Ende allen Vorteile, heißt die Konsequenz. Wer es nicht glaubt, soll versuchen, den Menschen die Gier zu nehmen, und sie zu asketischer Anspruchslosigkeit erziehen: Alle werden miteinander verarmen.

          Der ökonomischen Lehre Mandevilles liegt ein ziemlich negatives Bild der menschlichen Natur zugrunde. Das ist freilich nicht schlimm, vermag doch die unsichtbare Hand die Gier in Wohlstand für alle zu wenden. "Animal spirits" sieht auch der Ökonom John Maynard Keynes am Werk, die dazu führen, dass die Märkte zwischen Gier und Angst schwanken: Es ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Darauf hat sich der ehemalige amerikanische Notenbankchef Allan Greenspan jüngst bezogen, als er mit resignativem Unterton bemerkte, Märkte seien zwar lernfähig, aber der ewige Kreislauf von Gier und Angst zeitige keine Ausschläge auf der Lernkurve.

          Ein solch pessimistisches Menschenbild hat durchaus seine Vorteile. Denn eine Gesellschaft muss nicht erst moralisch gebessert werden, um wirtschaftlich zu funktionieren. Der Wettbewerb, ein von den Kunden diktiertes und über Preise funktionierendes Entmachtungsverfahren, führt dazu, dass auch die Gierigen nichts wirklich Böses anrichten können, solange rechtsstaatliche Institutionen die Akteure zur Haftung für die von ihnen eingegangenen Risiken zwingen.

          Dominik Enste: Gier und Moral. Roman, Herzog Institut 2008.

          Nils Goldschmidt: Ist Gier gut? In: Uwe Mummert (Hg.), Emotionen, Markt und Moral, Münster 2005, 289-313.

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