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: Angst vorm schwarzen Mann

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Xenophobie macht häßlich und führt in der Spiegelverkehrung selbst zu Vorurteilen. Wie ein dumpfer Fremdenhasser aussieht, meint man seit Manfred Deix oder Gerhard Haderer zu wissen: Schmerbäuchig, im Unterhemd, leere Bierdosen mit geballter Faust zerquetschend - und aus fettig rot glänzendem Gesicht quellen die Haßtiraden.

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          Xenophobie macht häßlich und führt in der Spiegelverkehrung selbst zu Vorurteilen. Wie ein dumpfer Fremdenhasser aussieht, meint man seit Manfred Deix oder Gerhard Haderer zu wissen: Schmerbäuchig, im Unterhemd, leere Bierdosen mit geballter Faust zerquetschend - und aus fettig rot glänzendem Gesicht quellen die Haßtiraden. Ole Könneckes Zeichnungen zeigen ein anderen Entwurf. Dort kommt der Weiße, der sich vor dem schwarzen Mann fürchtet, schon zu schwitzen beginnt, wenn ein Afrikaner zu ihm in den Aufzug steigt, ganz unspektakulär daher: Braune Schuhe, schwarze Hose, weißes Hemd, grüner Pullover. Durch die Augen seiner kleiner Tochter betrachtet, wird der Rassist vollends sympathisch. Denn in ihren Worten ist er: groß und stark und klug und geduldig und lustig. Und alleinerziehend.

          Diese kleine Geschichte von Rafik Schami, der den Text schrieb, und Ole Könnecke, der ihn illustrierte, erzählt davon, wie das kluge kleine Mädchen dem großen Vater beibringt, daß man sich nicht vor anderen Menschen fürchten muß, bloß weil sie eine andere Hautfarbe haben, womöglich anders sind als man selbst. Es ist eine einfache, aufrechte, überaus pädagogische Geschichte, bei der man den erhobenen Zeigefinger ganz selbstverständlich erwartet. Doch Schami treibt die Erzählung einer Erziehung des Herzens weder in Pathos noch in Rührseligkeit. Vielmehr spiegelt er das irrationale Vorurteil des Weißen von der anderen - der schwarzen - Seite durch das Instrument irrwitziger Übertreibung. Auf dem Höhepunkt steht die Begegnung der Antagonisten in einer Prozession, als gälte es, Gottheiten zu huldigen. Dabei geht es doch nur um einen Kindergeburtstag. Mit dieser Szene bricht die Handlung ab, das eigentliche Ende bleibt offen. Aber es kann an dieser Stelle keinen Zweifel mehr geben: Die Geschichte wird gut ausgehen.

          Wirklich mitreißend, mit jeder Wendung verständlich und über die gesamte Distanz getragen von wunderbar leiser Ironie wird der Text im Zusammenspiel mit den Zeichnungen. Könnecke ist der eigentliche Meister dieser Geschichte. Seine Bilder füllen die Phantasieräume zwischen den Worten - am schönsten in jener Passage, da der Vater der namenlosen Erzählerin seine Ressentiments gegen Schwarze aufreiht und die Bilder dazu die Stereotypen widerlegen. Schmutzig seien sie, doziert der Vater, und im Hintergrund ist ein Schwarzer zu sehen, der den Boden fegt. Könneckes Bilder sind genauso naiv und - was die Absurdität des erzählten Konflikts angeht - pointiert zugleich, daß das Vergnügen bei der Lektüre stets über dem Gipfel der Erkenntnis bleibt.

          ANDREAS OBST

          Rafik Schami und Ole Könnecke: "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm". Carl Hanser Verlag, München 2003. 28 S., geb. 12,90 [Euro]. Ab 5 J.

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