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Angelika Overath: Flughafenfische : Wunder der Sichtbarkeit

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der Flughafen ist als Sinnbild der Moderne in Literatur, Film und Werbung bis zur Abstumpfung bebildert worden. Erstaunlich, wie es Angelika Overath in kunstvoller Reduktion gelingt, die abgebrauchte Allegorie in die Sichtbarkeit zurückzuholen.

          In Arthur Haileys Roman „Airport“ (1968) erschien der Flughafen so klischeehaft wie eindrucksvoll als Allegorie der globalisierten Welt, in welcher der beschleunigte Mensch permanent am Rande der Katastrophe existiert. Seither ist der Ort in Literatur, Film und Werbung bis zur Abstumpfung der Wahrnehmung bebildert worden. Umso erstaunlicher, wie es Angelika Overath in ihrem zweiten Roman nach „Nahe Tage“ (2005) in kunstvoller Reduktion gelingt, die abgebrauchte Allegorie in die Sichtbarkeit zurückzuholen.

          Hier gleicht der Transitraum dem Palast, den Kubla Khan in Xanadu erbaut haben soll, nur dass sich nunmehr die unermessliche Wunderlichkeit der modernen Welt darin auftut. „Vor ihr lag nun ein weiter, unabsehbarer Raum aus Glas, Metall, schwarzglitzerndem Marmor. Da wo die Deckenlichter auf die silbernen Einsprengsel im Stein trafen, leuchteten sie momenthaft auf wie bunte Sterne, und der Boden kippte ins Firmament.“

          Müde Blicke

          Im Zentrum dieser Wunderwelt befindet sich ein riesiges Riffaquarium mit Korallen, Anemonen, Schwämmen, Algen, Muscheln, Krebsen und Fischen, allen voran ein gewaltiger Rochen. Tobias, der Aquarist, ist der stille Herrscher dieses Unterreichs, in seinem Blick werden alle zu Fischen. Im Glaskasten des Raucherfoyers schnappt ein alternder Professor der Biochemie nach Luft und denkt über seine gescheiterte Ehe nach. Die Dritte in einem Bund, den der Text in Anspielung auf T. S. Eliots „The Waste Land“ mit „memory and desire“ besiegelt, ist Elis, eine vielfliegende Fotoreporterin, deren müder Blick die Unglaublichkeit des Sichtbaren synästhetisch überschreitet.

          „Versunkene Musik. Chöre aus Atlantis, unhörbar. Und indem sie nun in die Bewegung der Fische sah, schien ihr auf einmal der ganze Raum langsam zur Ruhe zu kommen.“ Für einen Moment erscheint da wie schreckhaft der Reflex jener Faszination am Ungesehenen, welche die ersten großen öffentlichen Aquarien seit der Londoner Weltausstellung von 1851 vermittelten.

          Geheimnisse der Abstraktionen

          Tobias dagegen, der nie reist, vermag Bewegung gleichsam mit Darwins Augen stillzustellen: im aufmerksam klassifizierenden Blick des Sammlers, für den das Sichtbare der Evolution Vorrang hat. Für ihn haben auch Abstraktionen ein Gesicht und ein Geheimnis. Er sammelt Müdigkeiten und verwebt sie zu einem Stoff „für einen heiligen Mantel, der all jene umschloß, die müde waren und nicht schliefen“. Die großen Augen von Elis und ihre Schönheit bemerkt er aber erst später.

          „Schauen Sie, Elis“, sagt er, nachdem ihm einige Verse von Eliot wieder eingefallen sind, aber so leise, „daß sie es unmöglich hören konnte“. Die Augenarbeiterin kann ohnehin nicht anders. Gerade in der Müdigkeit sieht sie schmerzhaft genau, und sie übersieht auch die Blicke der anderen nicht. In ihrer Perspektive gelingen Angelika Overath die schönsten Bilder. Die Beschreibung einer Austernöffnerin mit wartendem Kunden gerät zur poetischen Ikone, in der die glühende Sinnlichkeit menschlicher Blickwechsel wie altmeisterlich ins Gegenständliche gebannt wird.

          Bewundernswerte Beschreibungskunst

          Am Ende ist Tobias gefragt, ob man sein Leben ändern kann. Und wenn ja, ob man dann anfangen oder aufhören müsste zu lieben. Da bekommt er, vermutlich jedenfalls, ein wenig Angst. Denn wie bei Rilke ist die Aussicht des Anderen auch in Angelika Overaths bewunderungswürdiger Beschreibungskunst, die das Archaische an der modernen Verdinglichung aufscheinen lässt, an die Koexistenz mit dem Sichtbaren gebunden. Ein anderes Leben ist nicht zu haben, wohl aber dessen Veränderung, die freilich als Öffnung der Wahrnehmung je das Risiko birgt, dass mehr vom Vertrauten verschwindet, als das, was als Schwere des Lebens langweilt oder bedrückt.

          Der Professor, sich fern gerückt im gesprungenen Spiegel, „Schmerz jetzt in der Brust“, weiß nun erst und wohl zu spät, dass alles „auch anders möglich“ gewesen wäre. Was Elis und Tobias ändern werden, darüber wird in diesem schönen Text diskret ein Mantel gebreitet.

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