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Angelika Overath: Fließendes Land : Kein Erzählen ohne rückhaltlose Aufmerksamkeit

Bild: Verlag

In ihrem Geschichtenband „Fließendes Land“ entwirft Angelika Overath die Vision einer gemeinsamen Heimat für viele Formen des Schreibens und zeigt, wie daraus Wirklichkeit wird.

          Um was handelt es sich bei einer Passage wie dieser? „Ich war ein braves Mädchen. Damals war die Pille ein ungeheuerliches Wort, so ungeheuerlich, dass, wenn die fünf Buchstaben auf den Zeitungstafeln der Kioske erschienen, Mutter den Schritt beschleunigte.“ In zwei Sätzen wird da eine Zeit, eine Jugend, eine Familie, eine Gesellschaft verdichtet. Aber ist sie auch erdichtet? Das ist eine Frage, die sich dem modernen Erzählen spätestens seit Proust stellt, und dass sie auch nach hundert Jahren nicht beantwortet ist, zeigt nur, wie reizvoll die Verschränkung von Autobiographie und Fiktion ist. Angesichts von Karl Heinz Bohrers bald erscheinender „Erzählung einer Jugend“ werden die Kritiker noch einmal das ganze einschlägige Besteck auspacken.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Zum Hors d’œuvre aber taugt auch das neue Buch von Angelika Overath, obwohl es nur kleine Texte versammelt, aber darunter dann gleich mehrere Erzählungen einer Jugend. Sie heißen hier allerdings samt und sonders „Geschichten“, und das ist der unbestimmteste Gattungsbegriff, den die Literatur zu bieten hat. Mit gutem Grund, denn Angelika Overath ist vor allem eine Reporterin; ihre Texte erscheinen zumeist in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Aber sind diese Sachen Reportagen oder nicht vielmehr eine beschreibende Prosa, die auf dem schmalen Grat zwischen Fakten und Fiktion balanciert, weil hier ein Kunstwille sichtbar wird, der die Wirklichkeit umformt zur Wirtlichkeit? Diese Texte umschließen, bergen uns, weil sie auf eine Weise persönlich sind, die über den subjektiven Blick, den jeder Reporter hat, hinausgeht. In ihnen artikuliert sich kein Weltkennertum, sondern ein Erleben, das jedem vertraut ist. Aber nur wenigen ist gegeben, es auch auszudrücken.

          Fließende Kategorien, fließende Übergänge

          Diesen Unterschied schreibt Angelika Overath einer Haltung zu und kennzeichnet sie als „eine kleine Drehung hin zu psychischen Prozessen. Es sind wenige Grade rückhaltloser Aufmerksamkeit.“ Das also scheidet Fiktion von Reportage: „Mit Erfinden in einem emphatischen Sinne hat das nichts zu tun, eher mit Zulassen, Zulassen von Bildern, von Empfindungen, von Sätzen auch.“ Man könnte auch von Freiheit sprechen, die eine Reportage von der Erzählung trennt.

          Das Schöne ist, dass diese Trennung aufgehoben wird im Buch der 1957 geborenen Angelika Overath. „Fließendes Land“ heißt es, fließende Kategorien hat es zu bieten und fließende Übergänge zwischen den Erzählformen. Denn versammelt darin sind in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckte Geschichten aus den letzten zehn Jahren. In den höchst subjektiven Blick (das ist nichts Besonderes, sondern selbstverständlich bei Reportagen wie literarischer Fiktion) der Reporterin und Prosaistin Angelika Overath geraten Gegenstände, die dadurch eine spezifische Würde erlangen (das ist die große Leistung von Reportage wie literarischer Fiktion). Und die Erzählerin fügt eine stilistische Politur bei, die ihre Gegenstände funkeln lässt (das ist die große Kunst).

          Vielfalt der Formen

          Das Thema von Angelika Overaths Schreiben ist sie selbst als Wahrnehmende, obwohl die Texte alles andere sind als egozentrische Bespiegelungen. Aber eine Jugendreminiszenz, die ein erstes scheues Sichverlieben in einem Kirschbaum ansiedelt, so zu erzählen, dass es ohne jede Rührseligkeit daherkommt, dazu gehört eine Beschreibungsqualität, die im Journalismus von nicht geringerem Reiz ist als in der Literatur. Nur ist im Normalfall dort kein Platz dafür. Vielleicht auch nicht die Zeit.

          Das hat Angelika Overath geändert, und zwar mit allen Geschichten, die „Fließendes Land“ enthält. Ihr Spektrum reicht dabei von der Erzählung über Reportagen, Porträts, Reiseberichte bis zu poetologischen Ausführungen, die aber auch mit Fug und Recht das Gütesiegel „Geschichte“ tragen. Denn es ist einer der interessantesten und sprechendsten Aspekte dieses Buchs, die verschiedenen Formausprägungen zu verfolgen, die bestimmten Gegenständen zuteil werden.

          Die fünf Abschnitte, in die Angelika Overath das Buch geteilt hat, sind in ihren alles andere als allegorischen Benennungen (Fegefeuer - es geht um die Kindheit, Fluten - es geht ums Wasser, Handwerk - es geht ums Schreiben, Fluchten - es geht um Verstecke, Coda - es geht um Musik) nur Wegmarken im „Fließenden Land“, die aber längst nicht alle möglichen Passagen kennzeichnen. Genauso gut könnte man auch Querverbindungen suchen, die etwa an den im vergangenen Jahrzehnt entstandenen Romanen der Autorin orientiert sind, zum Beispiel dem lakonischen „Flughafenfische“ von 2009, dessen inhaltliche Keimzelle über ein Evidenzerlebnis, das sich aber später nicht mehr reproduzieren ließ, hier ebenso offengelegt wird wie diverse Rechercheergebnisse auf dem Gebiet der Aquaristik, die sich zu separaten Erzählungen entwickelt haben - über eine Seepferdchenliebhaberin zum Beispiel. Der erste Text steht im Buch in der Sektion „Handwerk“, der zweite unter „Fluten“.

          Der Rückzug als Schlüssel zur Freiheit

          Beide könnten ihre Plätze tauschen, weil die Beschreibung der Arbeit am Roman auch eine Porträtgalerie von Aquarien rund um die Welt bietet und die Faszination der müden Institutsmitarbeiterin, die in der Pause Entspannung vor einem Wasserbecken mit Seepferdchen sucht, ein poetologisches Programm enthält: „Seepferdchen waren Tiere der Tiefe.“ Und es ist genau diese Sehnsucht nach den fremd und unwirtlich scheinenden Regionen der Welt, die Lebensformen aus eigenem Recht beherbergen, deren Dasein uns unverständlich, wenn nicht gar unmöglich erscheinen mag, die auch die Schriftstellerin interessiert. Die Psyche ist dabei ausdrücklich mit inbegriffen.

          Der Schlüssel zur Freiheit im Schreiben von Angelika Overath steht in einem Erfahrungsbericht zur Arbeitsklausur der Schriftstellerin in einem Kloster: „Schreiben destabilisiert“, sagt da die Erzählerin, von der sich Angelika Overath durch den Gebrauch des „sie“ distanziert. „Jedes Erzählen, das zum Ende kommt, ist ein Leben, das man verlässt... Nur im Fluss des Erzählens, in seinen Wirbeln, seinen Strömungen, lebe ich noch mit dem Text.“ Doch wir, die wir das nun lesen dürfen, spüren im Erzählton immer noch diese Zuneigung der Autorin, die ihren Geschichten ein Nachleben in uns ermöglicht.

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