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Angelika Overath: Fließendes Land : Kein Erzählen ohne rückhaltlose Aufmerksamkeit

Vielfalt der Formen

Das Thema von Angelika Overaths Schreiben ist sie selbst als Wahrnehmende, obwohl die Texte alles andere sind als egozentrische Bespiegelungen. Aber eine Jugendreminiszenz, die ein erstes scheues Sichverlieben in einem Kirschbaum ansiedelt, so zu erzählen, dass es ohne jede Rührseligkeit daherkommt, dazu gehört eine Beschreibungsqualität, die im Journalismus von nicht geringerem Reiz ist als in der Literatur. Nur ist im Normalfall dort kein Platz dafür. Vielleicht auch nicht die Zeit.

Das hat Angelika Overath geändert, und zwar mit allen Geschichten, die „Fließendes Land“ enthält. Ihr Spektrum reicht dabei von der Erzählung über Reportagen, Porträts, Reiseberichte bis zu poetologischen Ausführungen, die aber auch mit Fug und Recht das Gütesiegel „Geschichte“ tragen. Denn es ist einer der interessantesten und sprechendsten Aspekte dieses Buchs, die verschiedenen Formausprägungen zu verfolgen, die bestimmten Gegenständen zuteil werden.

Die fünf Abschnitte, in die Angelika Overath das Buch geteilt hat, sind in ihren alles andere als allegorischen Benennungen (Fegefeuer - es geht um die Kindheit, Fluten - es geht ums Wasser, Handwerk - es geht ums Schreiben, Fluchten - es geht um Verstecke, Coda - es geht um Musik) nur Wegmarken im „Fließenden Land“, die aber längst nicht alle möglichen Passagen kennzeichnen. Genauso gut könnte man auch Querverbindungen suchen, die etwa an den im vergangenen Jahrzehnt entstandenen Romanen der Autorin orientiert sind, zum Beispiel dem lakonischen „Flughafenfische“ von 2009, dessen inhaltliche Keimzelle über ein Evidenzerlebnis, das sich aber später nicht mehr reproduzieren ließ, hier ebenso offengelegt wird wie diverse Rechercheergebnisse auf dem Gebiet der Aquaristik, die sich zu separaten Erzählungen entwickelt haben - über eine Seepferdchenliebhaberin zum Beispiel. Der erste Text steht im Buch in der Sektion „Handwerk“, der zweite unter „Fluten“.

Der Rückzug als Schlüssel zur Freiheit

Beide könnten ihre Plätze tauschen, weil die Beschreibung der Arbeit am Roman auch eine Porträtgalerie von Aquarien rund um die Welt bietet und die Faszination der müden Institutsmitarbeiterin, die in der Pause Entspannung vor einem Wasserbecken mit Seepferdchen sucht, ein poetologisches Programm enthält: „Seepferdchen waren Tiere der Tiefe.“ Und es ist genau diese Sehnsucht nach den fremd und unwirtlich scheinenden Regionen der Welt, die Lebensformen aus eigenem Recht beherbergen, deren Dasein uns unverständlich, wenn nicht gar unmöglich erscheinen mag, die auch die Schriftstellerin interessiert. Die Psyche ist dabei ausdrücklich mit inbegriffen.

Der Schlüssel zur Freiheit im Schreiben von Angelika Overath steht in einem Erfahrungsbericht zur Arbeitsklausur der Schriftstellerin in einem Kloster: „Schreiben destabilisiert“, sagt da die Erzählerin, von der sich Angelika Overath durch den Gebrauch des „sie“ distanziert. „Jedes Erzählen, das zum Ende kommt, ist ein Leben, das man verlässt... Nur im Fluss des Erzählens, in seinen Wirbeln, seinen Strömungen, lebe ich noch mit dem Text.“ Doch wir, die wir das nun lesen dürfen, spüren im Erzählton immer noch diese Zuneigung der Autorin, die ihren Geschichten ein Nachleben in uns ermöglicht.

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