Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss :
Wer im Glashaus einsitzt

Von Oliver Jungen
Lesezeit: 5 Min.
Homo mente captus?: Angelika Meier interessiert nicht die Verwandtschaft von Kunst und Wahnsinn
Kriegserklärung an die eigene Unterwürfigkeit: Angelika Meiers postpostpostmoderner Roman treibt seine Späße mit dem Therapiewahn. Ein Volltreffer!

Eine der letzten Verheißungen der Geistesgeschichte war der Gegendiskurs, von intellektuellen Partisanen eingeschmuggelt in die postmodernen Dionysien der Relativität, ein letztes Aufbäumen des Politischen im Zeitalter des Fatalismus. Wer sich Michel Foucaults Diskursanalyse anschloss, der konnte Wahrheit für Wahrheit auf hegemoniale Diskurse und herrschende Epistemen zurückführen, durchschaute alle Riten und Meinungen als verinnerlichte Befehle einer Macht, die sich über die Bewusstseinsebene den Zugriff auf die Körper sicherte. Damit lag einem die ideologiepanzerbrechende Waffe schon in der Hand, die große Gegenrede im Namen des Verworfenen. Nicht ganz zufällig fand Foucault das Modell für die Inversionsfigur Diskurs-Gegendiskurs im Ausgrenzungs- und Rekodierungskomplex Irrenanstalt respektive seiner Fortsetzung in der Klinik: „Wahnsinn und Gesellschaft“ lief auf die Entlarvung des Psychologen als Nachfahre des homo mente captus hinaus. Das war ebenso sehr Literatur und Manifest wie Geschichtsschreibung und Philosophie - und deshalb so fesselnd.

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