https://www.faz.net/-gr3-70mss

Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss : Wer im Glashaus einsitzt

  • -Aktualisiert am

Homo mente captus?: Angelika Meier interessiert nicht die Verwandtschaft von Kunst und Wahnsinn Bild: Diaphanes Verlag

Kriegserklärung an die eigene Unterwürfigkeit: Angelika Meiers postpostpostmoderner Roman treibt seine Späße mit dem Therapiewahn. Ein Volltreffer!

          Eine der letzten Verheißungen der Geistesgeschichte war der Gegendiskurs, von intellektuellen Partisanen eingeschmuggelt in die postmodernen Dionysien der Relativität, ein letztes Aufbäumen des Politischen im Zeitalter des Fatalismus. Wer sich Michel Foucaults Diskursanalyse anschloss, der konnte Wahrheit für Wahrheit auf hegemoniale Diskurse und herrschende Epistemen zurückführen, durchschaute alle Riten und Meinungen als verinnerlichte Befehle einer Macht, die sich über die Bewusstseinsebene den Zugriff auf die Körper sicherte. Damit lag einem die ideologiepanzerbrechende Waffe schon in der Hand, die große Gegenrede im Namen des Verworfenen. Nicht ganz zufällig fand Foucault das Modell für die Inversionsfigur Diskurs-Gegendiskurs im Ausgrenzungs- und Rekodierungskomplex Irrenanstalt respektive seiner Fortsetzung in der Klinik: „Wahnsinn und Gesellschaft“ lief auf die Entlarvung des Psychologen als Nachfahre des homo mente captus hinaus. Das war ebenso sehr Literatur und Manifest wie Geschichtsschreibung und Philosophie - und deshalb so fesselnd.

          Angelika Meier hat nun von der Gegenseite her den Roman zur Antipsychiatrie verfasst, der so gut ist, weil man ihn ebenso als Philosophie und Zeitgeschichtsschreibung lesen kann. Neu ist das Inversionsmotiv psychiatrische Anstalt - der Rollentausch von Insassen und Angestellten - freilich nicht, im Gegenteil: In der Literatur ließe sich gar von einem eigenen Genre sprechen. Den Kern macht allerdings häufig die genieästhetische Aufwertung dessen aus, was Plato abwertend meinte: die Scheinverwandtschaft von Kunst und Wahnsinn.

          Die Neuformatierung des psychischen Systems

          Diese Dimension interessiert Meier nicht weiter. Sie hat wirklich die Anstalt im Blick, und sie liebt das Spiel mit der großen Verunsicherung, mit dem Traum vom Erwachen in einem Albtraum, was vom „Kabinett des Dr. Caligari“ bis zu „Matrix“ eher filmische Vorbilder hat. Sucht man den Anschluss ans Literarische, dann ist eher schon an den medizinischen Alfred Döblin zu denken, der sich in seiner Doktorarbeit stark für jene Konfabulationen interessierte, mit denen bei der Korsakoffschen Psychose Gedächtnislücken überbrückt werden.

          Das Zentralthema Meiers ist die Neuformatierung des psychischen Systems, wodurch auch Vergangenheit und Zukunft, nichts als diskursive Konstrukte, neu aufgesetzt werden. Ob sich die verschiedenen Bewusstseinsebenen, welche dem Leser präsentiert werden, in erkenntnistheoretischer Hinsicht hierarchisieren lassen, ob also ein Zustand der Wahrheit entspricht oder ob es gar kein Außen gibt, bleibt selbstredend offen: Es könnte durchaus sein, dass wir uns im Innern einer Psychose, in einem Traum oder doch im Jenseits befinden. Legen wir die einfachste Lesart zugrunde, erwacht hier ein Funktionär des Systems aus einem zwanzigjährigen Schlaf der Vernunft.

          Die Klinik hat keinen Ausgang

          Der Ort der Handlung ist eine - pardon - kafkaeske Klinik, gläsern, jedoch nur mit Blick auf sich selbst. Diese totale Anstalt hat keinen Ausgang und thront auf einem gewaltigen Berg hoch oben über der Normalwelt. Die Vergangenheit hat hier keinen Platz, ragt nur als Krankheit in die antiseptische Gegenwart. Wer hartnäckig an ihr festhält, also an „mangelnder Gesundheitseinsicht“ leidet, hat nur den Ausweg: die eigene Einschläferung zu verlangen. Normalerweise aber werden die Patienten mittels Drogen sowie gymnastischer und esoterischer Techniken (Atemübungen, Stimmenhören, Massagen) ruhiggestellt - allein für diesen fälligen Frontalangriff auf den Ayurveda- und Fitness-Terror möchte man sich vor der Autorin verneigen.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.