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Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss : Wer im Glashaus einsitzt

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Den Reiz dieser Dystopie einer restlos durchtherapierten Gesellschaft macht es aus, dass sie mit viel Phantasie und pseudomedizinischer Akribie ausgemalt wird, und zwar von ihrer Infragestellung aus. Dr. Franz von Stern, einer der behandelnden Ärzte, muss seinen „Eigenbericht“ verfassen, wie das von der so gefürchteten wie opaken Machtinstanz „Klinikleitung“ erwartet wird. Dabei gerät er ins Stocken: „Was für die Kamera in der Zimmerecke links über uns aussieht wie eine tadellose Übung in Stoa, ist das genaue Gegenteil, nämlich ein Totalausfall irgendeinen Areals in meinem Stortex, orbitofrontal höchstwahrscheinlich. Denn auf einmal hasse ich Patienten.“ Als auch noch eine neue, ambulante Patientin (ein Unding, eben weil die Klinik nur einen Eingang, aber keinen Ausgang hat) auftaucht, in der er seine frühere Frau wiederzuerkennen meint, wird aus dem Stocken ein Zweifeln. Die unterdrückte Erinnerung an die Vergangenheit kehrt mit Macht zurück: eine schöne Liebesgeschichte zwischen dem angehenden, systemgläubigen Arzt und der immer schon aufmüpfigen Studentin Esther, die mit einer gewaltsamen, blutigen Trennung endete.

Schizophrenie als Machtinstrument

Von Stern gerät aus der Bahn, das übliche Stabilisierungsprogramm wie Durchleuchtung im Schlaflabor (eigentlich wird hier nicht geschlafen) führt zu nichts: „Was, wenn diese Sache hier nicht einfach leerdreht oder leer dreht, sondern doch noch in dir einrastet?“ Sollte der neunzehn Jahre alte Patient Evelyn, der ihn immer schon „Papa“ nennt, gar nicht so verrückt sein? Die Kollegen jedenfalls distanzieren sich von dem Abtrünnigen: „Er muss halt seine Erinnerungen als Konfabulationen erkennen.“

Ein geschickter Schachzug, der sich auch poetologisch auswirkt, ist das Umschmieden der Schizophrenie zum Machtinstrument: Sie wird nicht diagnostiziert, sondern installiert. Die Aufspaltung des Klinikpersonals in „Arzt“ und „Referent“ nämlich ist Programm. Letzterer stellt eine ins Bewusstsein eingepflanzte Instanz des Systems dar, auch „Mediator“ genannt beziehungsweise in medizinischer Diktion „Stortex“: Von hier gehen die Einflüsterungen aus.

Anspruchsvoll, kurios, rasant

Erzählt wird aus der doppelten Perspektive der Hauptfigur, weshalb sich permanent zwei Erzählstile überlagern: der referentennahe Protokollton des Eigenberichts („Patient schreit unablässig“) und der sich allmählich befreiende persönliche Ton der Apostrophe an die Geliebte. Der Zweifel schlägt schließlich um in Aktion: Es steht die Flucht an, und bei dieser geht es so surreal zu, wie das bei Fluchten aus Parallel-, Unter- oder Oberwelten eben der Fall ist. Mit Hinweisen auf den christlichen Subtext wird nicht gespart: ein letztes, ausfallendes „Abendmahl“, die Vorliebe Evelyns für das biblische Idiom, einen „ausgestorbenen hysterischen Dialekt“. Doch griffe es zu kurz, „Heimlich, heimlich mich vergiss“ als Kritik hermetischer religiöser Denkgebäude aufzufassen: Vielmehr wird hier die eine Universalideologie als Brecheisen verwendet, um die andere, modernere aufzustemmen: Frömmigkeit und Gouvernementalität als untergründig verwandte Denkverweigerungen.

Dieser Roman ist selbst nichts weniger als subversiver Gegendiskurs, der im Herzen unserer Überwachungs- und Wohlfühlgesellschaft ansetzt, dabei sprachlich anspruchsvoll, spannend, kurios, rasant und witzig, kurz: ein Volltreffer! So philosophisch der Roman daherkommt, so wenig verstaubt und akademisch wirkt er. Verzweiflung und Lakonie, realistische Detailfreude und Surrealismus halten sich die Waage. Bis in die kleinsten Nebenhandlungen hinein ist das Buch ein hintergründiger Kommentar zu unserer Selbstentmündigung, deren Folgen und Nebenwirkungen wir wegmassieren lassen oder mit Psychopharmaka unterdrücken. Angelika Meier, die über Derrida und Wittgenstein promoviert hat, genauer: über „die Aporie in Philosophie, Literatur und Lebenspraxis“, und in ihrem Debüt „England“ (2010) den Wissenschaftsroman samt der Wissenschaft ad absurdum führte, muss spätestens mit diesem zweiten Roman als eine der neuen großen Hoffnungen im deutschen Literaturbetrieb gelten.

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