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Angelika Klüssendorf: „Jahre später“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 160 S., geb., 17,– Euro. Bild: Kiepenheuer & Witsch

Roman von Angelika Klüssendorf : Lebenslädiert geht es hinein in die Liebesfalle

  • -Aktualisiert am

Wie wirklichkeitsnah ist das? Angelika Klüssendorf setzt mit „Jahre später“ ihren autobiographisch grundierten Romanzyklus fort.

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          Protagonisten eines Eheromans können einem nur leid tun. Ihr Schicksal ist stets besiegelt, bevor ihre Liebe auch nur erblühen kann. Von glücklichen Ehen lässt sich nicht erzählen. Eheromane leben vom Scheitern. Da kennt die Gattungsvorgabe keine Gnade, wie sollte sich sonst auch die für Eheromane charakteristische Mitleidsästhetik entfalten?

          Wenn es also von April und Ludwig, den Hauptfiguren von Angelika Klüssendorfs Eheroman „Jahre später“, nach nur vierzehn Seiten Erzählzeit heißt: „Heirat. Das ist Ludwigs nächster Plan“, würde man dem Paar gerne ein warnendes „Langsam, Langsam“ zuflüstern. Und wenn die Chronik der Gefühle nur zwei Seiten später Vollzug vermeldet und die beiden ironischerweise ausgerechnet im Wedding heiraten lässt, ist es um das Paar geschehen. Von jetzt an bleibt nur die Frage, warum ihre Ehe in die Brüche gehen wird und welchen Akzent dieser Eheroman im Vergleich zu seinen zahlreichen Vorgängern setzen wird.

          „Jahre später“ setzt Klüssendorfs Erfolgsromane „Das Mädchen“ (2011) und „April“ (2014) fort. Die Titelfolge bietet ein Erzählextrakt: es geht in dieser Trilogie um das Mädchen April. Wobei der dritte Band jetzt nach einem gehörigen Zeitsprung einsetzt, und zwar im Jahr 1989, kurz vor dem Mauerfall, „Jahre später“, nachdem April die zerstörerischen Kräfte ihrer Kindheit in Familie und Heim, die Repressalien der DDR und die Schwierigkeiten nach ihrer Ausreise in den Westen Berlins einigermaßen lebenslädiert überstanden hat. Aus dem Mädchen April ist die junge Frau April geworden, getrennt lebend, Mutter eines elfjährigen Sohnes. Sie steht kurz davor, ihr Romandebüt zu veröffentlichen. Den Chirurgen Ludwig lernt sie bei einer ihrer Lesungen in Hamburg kennen.

          April ist eine der faszinierendsten, weil sprödesten, wütendsten und unnahbarsten weiblichen Figuren, die eine Autorin der deutschsprachigen Literatur in jüngster Zeit geschenkt hat. April also gehört das Mitleid der Leser. Ihr gelten Empathie und Sorge, wenn ihr die Liebe zu Ludwig einen steilen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, wenn sie noch einmal Mutter wird, sich gleichzeitig als Literatin etabliert und doch auf den unausweichlichen Ehebruch zusteuert.

          Welchen Grund bietet der Roman für das Scheitern der Ehe? Seine offensichtliche Antwort lautet: Ludwig und April sind zu extrem. Bei April liegt es an den vielen Wunden, die sie von ihrer Kindheit und Jugend mit sich trägt. Ludwig hingegen wird als hochgradig narzisstisches Kraftgenie gezeichnet, glanz- und anerkennungssüchtig, eingesponnen in einen Kokon aus Lügen, die nicht einmal mehr darauf abzielen, das Gegenüber zu überzeugen. Vielmehr kalkulieren sie dreist mit ein, dass der andere aus Rücksicht, Loyalität und Angst darauf verzichten wird, das Lügengebäude einzureißen. Da treffen sich zwei, bei denen es nur krachen kann. Und die Pointe des Romans besteht darin, dass das Scheitern der Ehe direkt in die weibliche Autorschaft mündet. Denn aus den Ehetrümmern erhebt sich zuletzt der Anfangssatz von Klüssendorfs Roman „Das Mädchen“. Figur und Autorin fallen für einen Moment in eins, das Ende der Liebe wird zum Anfang des literarischen Erzählens.

          Die Verklammerung von Autorin und Figur zeigt, dass Klüssendorf wie bei den beiden Vorgängerromanen schon mit der Auto(r)fiktion spielt, also mit der Tatsache, dass das Dargestellte sich so nah an das Leben der Autorin anschmiegt, wie es nur geht, ohne mit der Wirklichkeit identisch zu werden. Ein gravierender Unterschied besteht allerdings zwischen der autobiographischen Anlage dieses dritten Bandes und den beiden vorherigen Büchern: „Jahre später“ erzählt von einer Zeit, in der Klüssendorf als Autorin bereits eine öffentliche Person war, zumal sie in dieser Zeit mit Frank Schirrmacher verheiratet war, der dann Herausgeber dieser Zeitung wurde. Ist „Jahre später“ also ein Schlüsselroman, der die Geheimnisse eines in der Öffentlichkeit stehenden Paares lüftet?

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