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Angelika Klüssendorf: Das Mädchen : Zwischen Stabheuschrecke und Stelzvogel

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Bild: Verlag

Literatur als Überlebensmittel: Angelika Klüssendorf erzählt die harte Geschichte eines starken Mädchens. Auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis hat der Roman es bereits geschafft.

          In ihren Erzählungen „Aus allen Himmeln“ (2004) hatte die 1958 geborene Angelika Klüssendorf, die ihre Jugend in Leipzig verbrachte, eigentümlich lakonisch von Verwahrlosung, Alkoholismus, Gewalt und Missbrauch erzählt. Manch ein Leser erfuhr da erstmals von einem Milieu, das in der DDR offiziell gar nicht existierte, und war erstaunt über die Ähnlichkeit mit dem, was im Westen als „neue Unterschicht“ beschrieben wurde. Wohlfeile Erklärungen der systembedingten Ursachen scheiterten an diesen kurzen Geschichten, eher erinnerten sie an eine unselige deutsche Tradition, in der selbst im Märchen noch das eigensinnige Kind mit grausamer Härte bestraft wird.

          Angelika Klüssendorfs neuer Roman „Das Mädchen“ ist nun die ganze Chronik einer Kindheit im Prekariat der DDR. In zunehmender Kälte registriert die Heldin im Lauf der Handlung den Zusammenhang von Verwahrlosung und Gewalt. Der betrunkene kleinkriminelle Vater schlägt die überforderte Mutter, die lässt ihre Wut an der Tochter aus, die wiederum den kleinen Bruder drangsaliert. „Es macht keinen Unterschied, ob sie lügt oder die Wahrheit sagt“, geprügelt wird sie immer. In ihrer Schutzlosigkeit entwickelt sie imaginäre Techniken der Selbsterhaltung. „Sie verschwindet in der Raserei der Mutter wie in einem Strudel, lässt sich nach unten auf den Grund sinken und ist einfach nicht mehr da.“

          „Betrunken findet die Mutter zu ihren alten Zerstreuungen zurück“

          Die wechselnden Zustände der eitlen Mutter zwischen Depression und Sadismus werden in einer trockenen Drastik beschrieben, die keine Ekelhaftigkeit auslässt. „Betrunken findet die Mutter zu ihren alten Zerstreuungen zurück; Alex muss mit ausgestreckten Armen in jeder Hand ein Kopfkissen halten, lässt er die Arme sinken, knallt die Mutter ihm den Ledergürtel zwischen die Beine.“ Solche Erfahrungen lassen das Mädchen einerseits verrohen, andererseits entwickelt diese Simplicissima im Kampf ums Dasein immer listigere Strategien der Selbstbehauptung.

          Dabei hilft die Literatur, vor allem „Brehms Tierleben“. In der Umkehrung der Vermenschlichung der Tierwelt findet sie Metaphern für das Unbegreifliche. „Alex steht bewegungslos da, stumm wie ein Fisch, eine Schollenlarve, denkt sie, die noch unfertig in aufrechter Haltung schwimmt, und die Mutter ist ein Zitterwels, der, wenn man ihn berührt, elektrische Schläge austeilt.“ Wie stimmig sich das auf die Unberechenbarkeit der Mutter bezieht, versteht der Leser erst ganz, wenn er die Stelle im Brehm nachliest. „Während man ihn zuweilen anfassen kann, ohne einen Schlag zu erhalten, empfindet man zu anderen Zeiten bei der geringsten Berührung die Wirkung seines Unwillens.“

          Das durchgehende Präsens rückt die Geschehnisse in beklemmende Nähe

          Jenseits der raffinierten Anspielungen erzählt Angelika Klüssendorf in kunstvoller Einfachheit. Die dritte Person sorgt für Distanz, gleichzeitig rückt das durchgehende Präsens die Geschehnisse in beklemmende Nähe. Innen- und Außenperspektive sind oft nicht zu unterscheiden. Das entspricht der prekären Heldin, die die feindselige Außenwelt ins Auge fassen muss, sich aber in ihrer Entwicklung immer auch selbst beobachtet wie ein zoologisches Objekt: „Sie kommt sich wie eine Stabheuschrecke vor oder ein Stelzvogel; lange schlaksige Gliedmaßen, zwei Brustwarzen, der Bauch leicht geschwollen und ein nackter Hamster zwischen den Beinen.“

          Die Einweisung in eines der Spezialkinderheime, in denen die DDR die „Umerziehung fehlentwickelter junger Menschen“ betrieb, die im einschlägigen deutschen Sprachgebrauch auch als „Asoziale“ bezeichnet wurden, erscheint der Heldin beinahe als Befreiung. Mager bleibt sie, obwohl sie viel isst, das ist oft so bei geprügelten Kindern. Aber zäh ist sie und längst schon so gewitzt, dass sie die „zehn Gebote der sozialistischen Moral“ nur komisch finden kann. Was ihr dann die anderen Mädchen an Scheußlichkeiten aus der Familienhölle offenbaren, lässt ihr das eigene Schicksal weniger schlimm erscheinen.

          Sie lernt daraus aber nicht das, was die Pädagogik beabsichtigt

          Den Hass, den sie angesichts der Willkür der dicken Heimleiterin „wie dumpfen Druck im Bauch“ dennoch verspürt, reagiert sie mit wüsten Zerstückelungsphantasien ab. Bei den sozialistischen Liedern wird ihr aber schon einmal patriotisch zumute; sie lernt daraus aber nicht das, was die Pädagogik beabsichtigt. „Es ist einfach, in den Liedern und Gedichten gerecht und ungerecht zu unterscheiden, doch im alltäglichen Leben sieht das anders aus.“

          „Das Mädchen“ ist eine schrecklich traurige Geschichte, die aber mit tränenseliger Elendspoesie nichts zu tun hat. Das erträumte Verwandlungserlebnis, aufzutauchen „wie neu, als wäre ihr nie etwas passiert“, verweigert die Autorin ihrer so verletzlichen wie verhärteten Heldin. Literatur erscheint bei Angelika Klüssendorf gleichwohl als Überlebensmittel, das einen inneren Halt geben kann. Die Verletzungen, die eine solche Kindheit in der Seele des Mädchens und im Verhältnis zu ihrem Körper hinterlässt, kann ein Roman zwar nicht heilen, als Gedächtnis des Leidens aber vermittelt Literatur im Glücksfall die Kraft, dem Elend zu entrinnen.

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