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Angela Lehners „Vater Unser“ : Manchen steht Glück einfach nicht

Angela Lehners Protagonistin ärgert sich über die halbe Welt, vor allem über jene, von denen sie meint, sie wollten ihr auf der Nase herumtanzen (Archivbild). Bild: Picture-Alliance

Man wünscht sie sich zur Freundin: In Angela Lehners Debütroman betört und manipuliert eine Narzisstin ihr Umfeld. Und die Leser. Bis jemand ahnt, was kommt, ist es zu spät.

          3 Min.

          Sie ist jung und allein und traumatisiert. Die Kindheit ein qualvoller Kampf um Wahrnehmung, die Familie ein Scherbenhaufen, im Kopf ein Strudel aus scharfsinnigen Beobachtungen. Polizeibeamten liefern sie in der Klinik ab, harmlos ist sie also nicht. Und dennoch entgeht keiner, der ihr länger als ein paar Minuten ausgeliefert ist, ihrem Charme. Fünf Seiten mit der Österreicherin Eva Gruber, und man wünscht sie sich zur Freundin.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Kunst des unzuverlässigen Erzählens: immer gerade so viel Misstrauen säen, dass es sich noch lohnt, die Heldin gegen die aufkeimenden Zweifel zu verteidigen. Fährten auslegen, Ambivalenzen aushalten, balancieren zwischen Annäherung und Abwehr. Sicher, sie ist in psychologischer Behandlung, etwas stimmt nicht mit dieser jungen Frau, die ihren Bruder durch ihren bloßen Anblick in Panik versetzt. Die in der Klinik Patienten wie Ärzte provoziert und Parolen ausgibt: „Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Die mal verbreitet, ihre Eltern seien tot, mal unter Tränen erzählt, ihr Vater habe sie missbraucht, dann wieder, dass sie eine Kindergartenklasse erschossen habe, und den Psychiater an seine Grenzen bringt. Er freut sich, folgert die Patientin, wenn ich endlich über Dinge spreche, die er aus dem Lehrbuch kennt.

          Drei Akte

          Aber man möchte ihrem Lockruf folgen, und daraus erwächst die Spannung in Angela Lehners Debüt. Lehner, aufgewachsen in Osttirol, Literaturwissenschaftlerin und Absolventin des Klagenfurter „Häschenkurses“, inzwischen in Berlin, wählt den Platz im Kopf der Kranken, die ihre Beschwerden nicht allzu ernst nimmt. In drei Akten erzählt sie: Der Vater. Der Sohn. Der Heilige Geist. Es klingt, als käme der Ton, diese Kombination aus bitterem Sarkasmus und nüchterner Beobachtung, von dem man, anders dosiert, nach fünf Seiten genug haben könnte, direkt aus ihrem Innersten: „Morgen ist ein neuer Tag, den man zugrunde richten kann.“

          Angela Lehner: „Vater Unser“

          Vorsichtige Annäherung: Diese Eva Gruber ärgert sich über die halbe Welt, vor allem über jene, von denen sie meint, sie wollten ihr auf der Nase herumtanzen, ihr alles nehmen, was sie liebt. Wie ihren Bruder. Die Diagnose, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, liest man erst spät, als das Misstrauen längst die Oberhand gewonnen und der Arzt zur sehr lebendigen Mutter gesagt hat: „Sie kann gar nicht verstehen, was sie Ihnen antut, weil sie nur ihr eigenes Leid sieht.“ Eva Gruber verachtet das Mittelmaß, sie benutzt die Menschen ihrer Umgebung, um das zu erreichen, was ihr als einzig richtige Lösung erscheint. Dann lässt sie sie fallen. Sie konstruiert Realität. Sie kämpft, betörend und manipulativ, für ihre Agenda. Weshalb am Ende natürlich alles anders ist und der Bruder, unterernährt und ebenfalls in Behandlung, in Lebensgefahr.

          Ein bisschen ausrasten

          Aber Angela Lehner verlässt sich nicht auf die voyeuristische Neugier ihrer Leser. Sie breitet Erinnerungsschnipsel für sie aus, vermeintliche und tatsächliche, die mal tief traurig, mal gnadenlos komisch sind, Erinnerungen an einen Vater hinter Jalousien, den auch eine Alexis-Sorbas-Tanzeinlage seiner Kinder („I never loved a man more than you“) und die ins Zimmer dringenden Sonnenstrahlen nicht mehr aus dem Bett bewegen. An eine sich immerzu drehende Kordel und den Körper, der an ihr von der Decke hängt. Wer würde da kein Verständnis dafür aufbringen, dass die junge Frau, wenn sie dann in der Therapiestunde sitzt, wenn Farben und Orte für Gefühle gesucht werden, wenn alle „Gelb“ und „Brust“ bei Glück und „Rot“ und „Bauch“ bei Wut sagen, ein bisschen ausrastet? „Es war ganz unfreiwillig, aber manche Menschen sind eben unabsichtlich so banal, dass ich mich provoziert fühle.“

          So subtil sind die Motive der Narzisstin eingeflochten, so logisch ins Dasein der an der Welt Erkrankten integriert, dass sie immer auch Platz für Identifikation lassen, dass Eva Gruber oft ausspricht, was man sich selbst denken könnte, ganz ohne Narzissmus, jedenfalls ohne pathologischen. Da war die von Religiosität und Konvention durchdrungene Schulzeit, die Ablehnung der Mutter, „die für die Krise lebte“ und den Bruder vorzog, weil er weniger Ärger machte. Da war der Verrat des Vaters, dem sie näher war als irgendjemandem sonst. Aus ihnen erwuchs ihre Angst vor Ablehnung, ihr Neid, ihre Wut über die Provokation. Warum lacht der Bruder mit der Selbstmordpatientin im Chor? „Niemand konnte von mir verlangen, dass ich das glaubte“, stellt Eva Gruber fest. „Dass ich diesen Dreck als die Realität akzeptierte.“

          Bleibt die Frage, wie krank man eigentlich selbst ist und woher das kommt. Dafür interessiert sich Eva Gruber natürlich nicht. Man darf es selbst mit sich ausmachen. Genauso wie das Finale, das vieles übertrifft, was unzuverlässige Erzähler ihren Lesern bislang zugemutet haben.

          Angela Lehner: „Vater unser“. Roman. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2019. 284 S., geb., 22,– .

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