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Andrzej Stasiuk: Dojczland : Nach Deutschland fahren ist Psychoanalyse

Bild: Suhrkamp

Hilfs-Bukowski und Ersatz-Kerouac: Mit seinem dichtenden Landstreicher hat Andrzej Stasiuk eine der ungezählten Schutzmasken beschrieben, die viele Polen bis heute brauchen, wenn sie Deutschland ertragen wollen.

          3 Min.

          Da fährt einer durchs Land. Verdammt cooler Typ. Kennt keinen, will keinen kennen. Hat seinen Jim Beam im Rucksack, schläft auf der Bank, hängt auf Bahnhöfen herum, und ob nun Bullen oder Skins die Nacht bevölkern, ist ihm gleich. Badezimmer sind ihm suspekt, und Wein, sagt er, schmeckt fast wie Whiskey. Kein netter Kerl, diese Ich-Figur, die der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk in seinem kleinen Road-Essay „Dojczland“ über die Provinzbahnhöfe der Bundesrepublik stromern lässt. Einer von diesen Typen, die keine Gelegenheit auslassen zu versichern, wie sehr sie das alles langweilt. Er sei „nur wegen der Knete da“, sagt er. Ignorant, überheblich, ein wenig schmierig. Natürlich Schriftsteller. Etwas zwischen Hilfs-Bukowski und Ersatz-Kerouac.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Stasiuks Tramp, der Deutschland gewissermaßen von den Bahnhofstoiletten her aufrollt, ist eine der doppelbödigsten Figuren, die das deutsch-polnische Drama in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Nicht dass Stasiuk hier ein abschließendes Porträt des Polen in seinem Verhältnis zu Deutschland geliefert hätte; so ein abschließendes Porträt gibt es nicht. Er hat aber mit seinem dichtenden Landstreicher eine der ungezählten Schutzmasken beschrieben, die viele Polen bis heute brauchen, wenn sie Deutschland ertragen wollen, einen der vielen Tarn- und Sicherheitsanzüge, die notwendig sind, um diesen Nachbarn auszuhalten.

          Nur nichts sehen

          Deutschland ist diesem Reisenden zutiefst unerträglich; es ist das (demütigend hochwertige) „Auto des Onkels“ und „die Erzählung meiner Großmutter: Sie sollte schon sterben, stand schon an der Wand, da hat der Offizier es sich aus irgendeinem Grunde anders überlegt, hat die Pistole eingesteckt und ist weggegangen.“ Nach Deutschland fahren, sagt er deshalb, ist anders als andere Reisen. „Nach Deutschland fahren, das ist Psychoanalyse.“

          Es ist eine von Stasiuks Hinterhältigkeiten, dass trotz dieses programmatischen Diktums sein Essay zuletzt nicht von Psychoanalyse handelt, sondern von ihrer Verweigerung. Sein Ich-Erzähler fährt durchs Land, und nichts scheint ihm dabei dringlicher zu sein als die Vermeidung jedes Kontakts. Nicht-Orte, Raststätten, Hotels, Check-ins sind sein Aufenthalt, Inder in Vorortzügen, Freaks, Verrückte seine Gesellschaft. Im ICE legt er Gepäck neben sich, damit sich keiner zu ihm setzt, und morgens beschäftigt ihn nichts so sehr wie die Frage, wie er schnell den nötigen Alkoholpegel bekommt. Deutschland könnte Psychoanalyse sein – für den, der es erträgt. Für alle anderen aber, vor allem für die mit polnischen Großmuttergeschichten, heißt es „last exit Verdrängung“. Der Titel des Buches könnte das Motto dieser Reise gewesen sein: nur ja nicht die Orthographie dieses Landes zu nah heranlassen, nur nichts von Deutschland sehen. Bleiben wir lieber bei „Dojczland“.

          SS-Mütze und Stahlhelm

          Kein Wunder, dass der verdrängte Albtraum dieser Figur – eines Schreibers auf Lesereise übrigens, nah an Stasiuks eigener Biographie gemalt – immer wieder durch die Ritzen dringt. Wenn alles unter Kontrolle wäre, wenn die coole Pose mehr wäre als verzweifelte Maske, könnte es ja bei dem Mantra bleiben, das er sich Tag und Nacht vorsagt: „Ja, innen drin war Deutschland kalt“ – nach dem Frühstück und vor dem Schlafengehen hergebetet, das könnte reichen. Notfalls noch ergänzt durch sedierende Einsprengsel wie „alles grau. Die totale Anonymität“.

          Aber es reicht nicht. Deutschland kann nicht „kalt“ sein für diesen Reisenden. Für diesen fahrenden Polen ist es bis heute so heiß, dass selbst ein so hartgesottener Teufelsbraten wie Stasiuks lässiger Vagant in Berlin-Mitte die Sadomaso-Dämonen nicht abwehren kann. Steht eine Polizistin da, hat gerade ein paar arme Freaks in Ketten gelegt: in Helm und Stiefeln und natürlich „breitbeinig“. Steht eine blonde Frau vorm Brandenburger Tor: Schon hat die Imagination sie umgekleidet, schon trägt sie SS-Mütze, Stahlhelm. Nähe? Psychoanalyse? „Außer meinen Lesern habe ich niemand kennengelernt“, bekennt der Reisende. Was tun zur Rettung? „Gut gezügelte Melancholie und Alkohol in vernünftigen Dosen“, nur so geht das. Am Stuttgarter Hauptbahnhof an die Bukarester Gara de Nord denken, und wenn man dann doch den Einheimischen nicht ausweichen kann, einfach vergessen, dass sie Deutsche sind. Der Berliner Hauptbahnhof bis oben geflutet, so schießt es dem Vagabunden durch den Kopf, das wäre doch schön – oder noch besser: Deutschland ganz ohne Deutsche. Es ist eine traurige, wahre Geschichte, die Stasiuk hier erzählt. Es ist die Geschichte der Zwillinge Kaczynski, die mit dem Horror vor Deutschland bis vor kurzem noch Wahlen gewannen, es ist die Geschichte unzähliger Freundschaftsversuche, die auf Sand liefen, weil spätabends mit einem Mal der erschossene Großvater in der Stube stand und man sich zuletzt doch nur in den alten, bösen Chiffren lesen konnte. Dann lieber Distanz. Dojczland ist kalt.

          Auf den letzten Seiten ist übrigens dann noch ein Mirakel eingetreten. Auf einem Flughafen ist Stasiuks fahrendem Spötter von irgendeinem Monitor ein Bild in die Seele gelaufen, und alles wurde neu. Der deutsche Papst Joseph Ratzinger war da zu sehen, betend in Auschwitz – und siehe da, der alte Tunichtgut mit seinem Beam im Rucksack, der selbst einmal „weiche Knie“ bekommen hatte, als er Auschwitz besuchen sollte, spürte Rührung. Der Papst kniete da „als Deutscher und capo de tutti capi religii“, und der Reisende war ihm „dankbar dafür, dass er an der Stelle kniete, an der ich einfach den Rückwärtsgang eingelegt und gekniffen hatte“. Zuletzt hebt sich dann das Flugzeug in den Abendhimmel. Durch die Finsternis zwischen Himmel und Erde erstrahlt „im Westen eine lange, horizontale, gleißend helle Spalte“. „Goldenes Feuer, purpurnes Blut“ – so schön können Wunder sein.

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