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Andrea Maria Schenkel: Täuscher : Die gefährliche Kunst des raschen Urteils

  • -Aktualisiert am

Bild: Hoffmann und Campe

„Tannöd“-Autorin Andrea Maria Schenkel nimmt sich erneut einen echten Kriminalfall vor. Dieses Mal spielt die Tat in Landshut, im Dunstkreis von rechtswidrigen Volksgerichtshöfen Anfang der 1920er Jahre.

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          Ein brutaler Doppelmord erschüttert Landshut im Frühling des Jahres 1922. Eine Musiklehrerin und ihre betagte Mutter werden in den eigenen vier Wänden umgebracht, der Familienschmuck geraubt. Ein Verdächtiger ist rasch ausgeforscht: Der Verlobte der Tochter wird in München mit einem Kumpan und mutmaßlichen Hehler festgenommen und nach Landshut überstellt. Schon bald tagt das Volksgericht, noch schneller - der Staatsanwalt wartet das Ende der Polizeiermittlungen gar nicht erst ab - folgt die Verurteilung: Tod durch Erschießen für den Bräutigam, vier Jahre Haft für den Mitangeklagten.

          In „Täuscher“, ihrem neuen, in der kommenden Woche erscheinenden Roman, nimmt sich Andrea Maria Schenkel abermals eines historischen Verbrechens an. Schon in ihren früheren Werken, zuerst „Tannöd“ (2006), im Folgeband „Kalteis“ (2007), aber auch in „Finsterau“ (2012) bearbeitete sie authentische Fälle, zitierte verfremdend aus vorhandenen Akten, ließ Zeugen und Täter zu Wort kommen. Bei „Tannöd“ ging das so weit, dass sich die Autorin wegen Plagiatsverdachts des Sachbuchautors Peter Leuschner vor dem Kadi wiederfand. Der Vorwurf wurde 2009 letztinstanzlich zurückgewiesen. Denn Schenkels Bücher sind eben Kriminalromane, denen man die Inspiration durch die Wirklichkeit anmerkt, die aber durchaus als eigenständige literarische Werke bestehen. Mit dem bislang einzigen völlig fiktiven Fall aus ihrer Feder („Bunker“, 2009) war der Autorin indes kein aufsehenerregender Erfolg beschieden.

          Vermeintliche Zitate und fingierte Berichte

          Von der Umarbeitung aber versteht Andrea Maria Schenkel etwas. Der „Täuscher“ zugrundeliegende Raubmord fand tatsächlich vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in Landshut statt. Zumindest ist ein zum Verwechseln ähnlicher Fall aktenkundig, auch zu finden in Johann Dachs’ Buch „Tollkirschen im Blaubeersaft - Alte Morde, neu protokolliert“ (1995). In „Täuscher“, wie Schenkel den mordverdächtigen Bräutigam Ludwig Eitele umbenennt, bleibt Schenkel ihrer Methode weitgehend treu.

          Vermeintliche Zitate aus Verhörprotokollen, fingierte Zeitungsberichte und Gerichtsaussagen wechseln sich ab mit dem Anschein nach zufällig oder doch von Ermittlern aufgezeichneten Gesprächen. Die einzelnen, sehr kurzen Kapitel geben den Fall und die Gerichtsverhandlung kaum chronologisch wieder. Immer wieder springt man beim Lesen vor und zurück in der Zeit. Neueren Stils sind eingestreute Szenen. Da folgt man etwa den ermittelnden Polizeibeamten an den Tatort und in ihre Büros. Oder trifft die Metzgerin, die vermutlich letzte Person vor dem Täter, welche das Opfer noch lebend sah.

          Beinahe ein historischer Roman - im positiven Sinn

          Beurteilt man diesen Kriminalroman allein nach seinem Spannungsgehalt, bleibt er erstaunlich unspektakulär. Grausige Details werden eher vermieden. Geschwätzigen Zeuginnen wird zu viel Platz eingeräumt. Auch bei der Charakterzeichnung hat man von der Autorin schon Besseres gelesen. Interessant aber ist eine Wendung, die sich in nun naturgemäß in zeitlich logischer Abfolge erzählten Kapiteln im letzten Drittel des Buches ergibt und hier nicht verraten werden soll. Spannend, wenn auch nicht im reißerischen Sinne, wird es immer dort, wo Andrea Maria Schenkel vom Überlieferten abweicht und ihre Phantasie schweifen lässt. Denn da wird ein ansonsten eher langweiliger Krimi zu einem historischen Roman.

          Ob es wohl zu weit geht, ihr auch einen Kommentar zu den bayerischen Volksgerichten der frühen Nachkriegszeit zu unterstellen? Denn diese Gerichte fällten zwischen November 1918 und Mai 1924, als sie endgültig aufgelöst wurden, über dreißigtausend Urteile. Obwohl diese Ausnahmegerichtshöfe - zwei Berufsrichter und drei Schöffen feilten gemeinsam an den Wahrsprüchen - noch von der ersten linksrepublikanischen Regierung unter Kurt Eisner für die spezielle Umbruchssituation in Bayern nach dem Ende der Monarchie aufgestellt worden waren, ließen die konservativ-bürgerlichen Regierungen diese eigentlich verfassungswidrigen Einrichtungen bestehen und arbeiten.

          Denn spätestens seit dem Untergang der kurzlebigen bayerischen Räterepublik nahmen die Urteile zumindest in den Augen der unterlegenen Linken eindeutig die Form von Klassenjustiz an. Das berüchtigtste Beispiel ist wohl der Hochverratsprozess gegen Ludendorff, Hitler und Konsorten nach dem Putschversuch von 1923. Zuständig wäre der reguläre Staatsgerichtshof in Leipzig gewesen, nicht ein Volksgericht in München. Das Urteil sprach dann ja auch Recht und Verfassung Hohn.

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