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Andrea Grills Roman „Cherubino“ : Kalamitäten allüberall

  • -Aktualisiert am

Hilfloser Abbildrealismus: zwölf Wochen alter Fötus vom Ultraschallbild in einen 3D-Glascube umgesetzt Bild: AV-Studio Kommunikationsmedien GmbH Halle/Marco Warmuth

In „Cherubino“ begleitet der Leser eine werdende Mutter mit all ihren Problemen. Statt der Geschichte Tiefe zu verleihen, kratzt Andrea Grills neuer Roman nur an einer scheinbar unendlich langen Oberfläche.

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          Am Anfang steht ein Schwangerschaftstest. Es ist Gewissheit, Iris Schiffer, 39 Jahre alt, eine Opernsängerin, die sich auch für kleinere Bandprojekte nicht zu schade ist, bekommt ein Kind. Am Ende ein Bekenntnis zum Neugeborenen: „Du sollst es gut haben, und es soll dir an nichts fehlen. Dafür werde ich alles tun.“ Fünf Zeilen später noch einmal im Konjunktiv der definitive, merkwürdig reserviert gehaltene Abschluss: „Ich würde alles tun für dich.“ Zwischen der Vorfreude und dieser totalen und dann doch ins Defensive gewendeten Hingabe stehen wir gerührt einer gerührten Frau sehr nahe, die Woche für Woche körperliche Wandlungen an sich beobachtet.

          Die Überreichung des Mutter-Kind-Passes, Organscreening, Nahrungsaufnahme – nichts lässt sie aus in einem hilflosen Abbildrealismus, der einen akuten Mangel an Erzählökonomie erkennen lässt. „Schon beim ersten Schluck schmeckte ihr der Kaffee nicht. Sie kostete noch einmal, brrr. Sie aß Müsli.“ Auf solch erschreckend niedrigem Niveau bewegt sich die Prosa des Romans „Cherubino“ von Andrea Grill, der vorgestern auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis gesetzt wurde. Ärzte, Hebamme, Suche nach dem Krankenhaus, alles wird in sorgloser Umständlichkeit als gleich wichtig, ach was: bedeutsam, ausgebreitet, nie kommt Grill auf den Punkt.

          Und dann dieser feierliche Ton beim Blick auf den Monitor in der Ordination: „Zerplatzende Sterne, eine kreisende Milchstraße nach der anderen und irgendwo eine unscharfe Stelle. War das der Embryo?“ Über Muttergefühle steht es dem Rezensenten gewiss nicht an, zu richten. Dass der literarische Zugriff darauf aber verunglückt ist, darf ihm schon auffallen.

          Andrea Grill: „Cherubino“. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2019. 318 S., geb., 23 Euro.

          Doch weiter im Buch, diese Autorin will doch mehr als einen reinen Embryoentwicklungsroman schreiben. Wo ein Embryo, da auch ein Vater. Iris hat gleich zwei Männer zur Auswahl. Einen liebt sie, der ist unerreichbar, weil verheiratet und nicht bereit, für sie seine Familie aufzugeben. Der andere liebt sie, übernimmt bereitwillig die Vaterrolle und ist noch dazu glücklich damit. Das klingt wie von Frau Pilcher erdacht, und leider gehen die Argumente gegen diese Vermutung aus. Ludwig ist als Politiker ein vielbeschäftigter Mann, der sich wenn irgend möglich etwas Zeit abzwickt, um sie mit Iris zu verbringen. Die geht ihm vollkommen auf den Leim, vergisst sich selbst und ihre Ansprüche ans Leben, wird zur genügsamen und dankbaren Spendenempfängerin von Liebesmomenten – ein Abhängigkeitsverhältnis, das die Erzählerin, blinde Parteigängerin von Iris, einfach so schluckt.

          Der andere Vaterkandidat, Sergio, ist als Tenor auf der ganzen Welt unterwegs. Er steht felsenfest zu Iris und ihren kapriziösen Launen, er ist der Liebesidiot, mit dessen Gefühlen grausam gespielt wird. Grausam? Ach, keine Rede davon in einem Roman, der von Nuancierungen und Differenzierungen befreit ist. Die Figuren flach, die Handlung zäh, die Sprache öd, die Dialoge banal – und nirgends Aussicht auf Änderung.

          Bleibt noch die Ebene der Kunst. Der Roman spielt doch im Milieu der Oper, Iris tritt in der Met in New York als Cherubino in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ auf und paukt 2019 für eine Rolle in „Sophie’s Choice“ bei den Salzburger Festspielen. Die Kunst färbt doch auf das Leben eines Menschen ab, der die Kunst zu seiner Sache gemacht hat. Fehlanzeige. Iris ist betroffen, wenn sie sich als Sophie in die Nazi-Jahre einfühlt, damit hat es sich auch schon. Private Kalamitäten, wohin man schaut. Eine Auseinandersetzung mit den Operstoffen findet nirgends statt, was umso seltsamer ist, als bei Mozart die Wucht der Gefühle derart heftig durchschlägt. Wenn einmal von der Arbeit an einer Inszenierung gesprochen wird, dann derart oberflächlich, dass nie die Substanz des Stückes berührt wird, nur Details einer geplanten Aufführung. Kein Grund zu weiterer Aufregung, nur ein schlechter Roman.

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