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: An diesem Werk hat der Teufel selbst mitgeschrieben

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In den letzten zehn Jahren hat die Übersetzerin Swetlana Geier die vier großen Romane Dostojewskis für den Ammann Verlag neu übertragen: "Verbrechen und Strafe" (1866), "Der Idiot" (1868), "Böse Geister" (1871) und jetzt "Die Brüder Karamasow" (1878bis 80). Das sind zusammen rund viertausend Seiten, ...

          In den letzten zehn Jahren hat die Übersetzerin Swetlana Geier die vier großen Romane Dostojewskis für den Ammann Verlag neu übertragen: "Verbrechen und Strafe" (1866), "Der Idiot" (1868), "Böse Geister" (1871) und jetzt "Die Brüder Karamasow" (1878bis 80). Das sind zusammen rund viertausend Seiten, denen mit dem "Jüngling", dem unbekanntesten der Romankolosse, demnächst das fünfte Tausend Seiten folgen soll. Daß diese Titanenarbeit überfällig war, darauf haben Slawisten oft genug hingewiesen. Unser Bild von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij, dem als rauschhaft, visionär, aber eben auch etwas schlampig geltenden Autor, war vermutlich so verstaubt wie das Bild keines anderen großen Schriftstellers des neunzehnten Jahrhunderts. Es geht ja nicht nur darum, statt des moralisierenden "Schuld und Sühne" den juristisch korrekten Titel "Verbrechen und Strafe" zu wählen oder das Wort "Dämonen" durch "Böse Geister" zu ersetzen. Es geht um literarischen Stil und poetische Verfahren, also um das künstlerische Wasserzeichen, und am Ende auch um den deutschen Dostojewski-Ton, der für jüngere Leser immer etwas sonderbar Archaisches hatte. Als wäre seine Welt nicht schon sonderbar genug.

          Nun könnte ein Leser und Nichtslawist, der mit den bald hundert Jahre alten Übersetzungen von E. K. Rahsin aufgewachsen ist und als Kontrastmittel zu den auch nicht gerade taufrischen Versionen des Winkler- oder Insel-Verlags gegriffen hat, einer neuen Ausgabe mit Mißtrauen begegnen. Er soll ja nicht nur etwas Besseres bekommen, sondern sich auch von seinem alten Dostojewski trennen. Für den Laien ist schwer zu entscheiden, in welchem Maß das, was Hesse die "Musik dieses schrecklichen und herrlichen Dichters" nannte, dem Original oder der Übersetzung zuzuschreiben war. So alt wie die Texte übrigens erscheint mittlerweile auch die Prosa von Dostojewskis heißblütigen Verehrern, so daß sich mehrere Archaisierungseffekte überlagern.

          Um Dostojewski selbst ist es still geworden, über die unvermeidlichen Alterserscheinungen literarischer Klassiker hinaus. Man könnte es eine ideologische Windstille nennen. Reichte die Strahlkraft seines Werks von Nietzsche, Gide, Hamsun, Ortega y Gasset und Thomas Mann immerhin bis zu Camus, so mußte Dostojewski die Rolle des ungezähmten Genies der Weltliteratur bald darauf an Faulkner abtreten (und dieser dann seinerseits an García Márquez). Die Ursache könnte sein, daß die Gottesfrage - nicht so sehr, ob es ihn gibt, sondern die Frage, wie freie, zum Guten und zum Bösen befähigte Menschen mit ihm umzugehen hätten - in der modernen Literatur kaum noch eine Rolle spielt. Graham Greene war wohl einer der letzten Romanciers, die an dem religiösen Schuldbegriff, der Dostojewski umtrieb, unbeirrt festhielten. Heute dagegen müssen säkularisierte, dem Glauben fernstehende Leser bei Dostojewski immer etwas mogeln. Wie sehr sie sich auch von der düsteren Stadtlandschaft St. Petersburgs, den fiebrigen Figuren und schauerromanhaften Motiven wie Gewalt, Inzest, Erniedrigung, Teufelserscheinungen, Krankheit oder Mord mitreißen lassen - die Fragen, die Dostojewski dabei unabweisbar stellt, sind auf den ersten Blick kaum noch ihre eigenen.

          Ein zweiter Blick fördert mehr zutage. Der dreißigjährige George Steiner schrieb in seiner Studie "Tolstoj oder Dostojewski" (1959), unsere Zeit - er meint den Weltkrieg und die Todeslager - habe dem Hohn Dostojewskis über den naiven Glauben an die moralische Belehrbarkeit des Menschen "Substanz verliehen". Unsere furchtbare Wirklichkeit bestätige ohne den Schatten eines Zweifels, "daß Dostojewskis Einblicke in die Grausamkeit der Menschen, in ihre Neigung, sowohl als einzelne wie auch als Horden die Funken der Menschlichkeit in ihrem Innern auszutreten, richtig sind". Kurz, Dostojewski ist für das Jahrhundert der Totalitarismen von hoher Aktualität. Steiner schließt mit einer Wendung, die das immer noch gültige Wirkungsparadox des Dostojewski-Universums in gleißendes Licht taucht: "Daß er uns zuweilen altmodisch erscheint, beweist nur die Entheiligung unseres Zustands."

          Allerdings wirkt jeder Zustand entheiligt, wenn man ihn mit den metaphysisch durchtränkten Stoffen von Dostojewskis Romanen vergleicht, und keines seiner fünf großen Bücher verwendet mehr Platz und Energie auf die Metaphysik als "Die Brüder Karamasow". Daß es darin außerordentlich brutal zugeht, widerspricht dem Befund keineswegs. Denn alles in Dostojewskis Welt, so der Literaturtheoretiker Michail Bachtin, "lebt genau an der Grenze seines Gegenteils". Es lohnt sich, Bachtins Sätze - die einzigen, in denen er von Religion spricht - im Kopf zu behalten. "Die Liebe", sagt er, "grenzt an den Haß, kennt und versteht ihn - und umgekehrt . . . Der Glaube lebt dicht an der Grenze zum Atheismus, schaut ihn an und versteht ihn, der Atheismus lebt dicht an der Grenze des Glaubens und versteht den Glauben . . . Alles muß in Kontakt treten, sich von Angesicht zu Angesicht begegnen, miteinander ins Gespräch kommen. Alles muß einander spiegeln, einander dialogisch beleuchten."

          Bachtin sah in der ständigen Reibung der Gegensätze ein Grundprinzip von Dostojewskis Poetik, das er mit "Polyphonie" und "Karnevalisierung" umschrieb. Einfacher gesagt: Der Autor, statt sich die Deutungshoheit anzumaßen, überläßt seinen Figuren das Feld. Alle reden durcheinander, und in der Handlung geht es drunter und drüber. Das ist für den Leser nicht nur eine enorme Herausforderung, sondern auch ein Freiheitsversprechen. Es bedeutet, daß Dostojewskis Romankunst nicht abstrakt zu haben ist. Sie widersetzt sich der ideologischen Eingrenzung, der Reduktion auf Kalendersprüche und faule Pädagogik. Sie ist nicht katalogisierbar, sondern wild und hypertroph wie keine andere des neunzehnten Jahrhunderts (allenfalls Melville kann es stellenweise mit ihr aufnehmen), und sie muß als ganze erfahren werden - oder gar nicht. Mögen andere Schriftsteller auf die Phantasie des Lesers wie ein Thermalbad wirken, Dostojewski ist ein Ozean bei hohem Seegang, unzuverlässigen Winden und abrupt wechselnder Temperatur.

          "Die Brüder Karamasow" handeln von einem Kriminalfall in einem Dorf südlich von St. Petersburg, dessen Name zum erstenmal auf Seite 912 auftaucht: Viehhofen. Jemand hat den alten Wüstling und Zyniker Fjodor Pawlowitsch Karamasow im Wohnzimmer erschlagen. Der Verdacht fällt auf dessen ältesten Sohn Dmitrij, einen notorischen Weiberhelden, Trinker und Raufbold. Außerdem fühlte er sich vom Vater um sein Erbteil betrogen, und beide, Vater und Sohn, warben um dieselbe Frau. In der Hand eines konventionellen Schriftstellers wäre dieser Stoff für zweihundert Seiten gut. Bei Dostojewski ist es das Sechsfache, weil er ihn in zahlreiche Nebengeschichten einwickelt. Allein Dmitrijs Verhör und die fulminanten Gerichtsplädoyers, die Swetlana Geier in ein vibrierendes Deutsch übersetzt hat, nehmen mehr als zweihundert Seiten ein.

          Doch schon die Rede von Haupt- und Nebensträngen ist falsch. Die Geschichten spiegeln sich, gebrochen und verzerrt, in einem riesigen Gefühls- und Ideenraum. Ganz abgesehen davon, daß die "Brüder Karamasow" mehreres zugleich sind, ein atemraubender Kriminalroman, ein mit heißem Herzen geführter philosophisch-religiöser Disput und ein komplett ausgerolltes Sittenbild aus der Provinz. Es scheint, als merkten die Figuren selbst, in was für eine Art Buch sie geraten sind. Kaum eine ist ruhig und ganz bei sich. Sie erröten, sie erblassen. Unzählbar die Küsse und Tränen, die Wutausbrüche und Demutsgesten. Und was tun sie wirklich? Sie rennen vom einen zum anderen. Die Handlung besteht weitgehend aus einer Kette von Besuchen, unverhofften Begegnungen und schicksalhaften Gesprächen. Kommunikation hat bei Dostojewski etwas vom Duell. Wenn es so weit ist, sprudeln Meinungen, Ahnungen und heftigste Gefühle hervor, einmal sogar, beim Mittagsmahl, die berühmte Geschichte vom "Großinquisitor", eine wie in Marmor gemeißelte Aburteilung der Amtskirche. Wer sich als Leser durch diese dichte Folge hemmungsloser Selbstentblößungen bewegt, erkennt Dostojewskis psychologisches Genie: Daß seine Figuren schwanken, ist das einzig Konstante an ihnen.

          Gerade die Irren, die Kranken, die Epileptiker (er war selbst einer) haben bei ihm volles Stimmrecht. Dadurch stürzt die Handlung vom Pathos in schrille Komik. Wenn die überspannte Madame Chochlakowa sagt: "Ich bin ziemlich erschüttert und gewiß dem Wahnsinn nah", nennt sie die seelische Alltagsverfassung des Romanpersonals beim Namen. Dmitrij drückt es in einer nackten Wendung aus, die an Georg Büchner erinnert: "Nein, der Mensch ist weit, viel zu weit sogar; ich hätte ihn enger gemacht." Weil Aljoscha, den der mittlere Bruder Iwan "mein sanftmütiges Mönchlein" nennt, keinen bequemen Seminaristenglauben hegt, leidet auch er, huscht von einem zum anderen und hat gar nicht so viele Ohren, wie er den gepeinigten Seelen in seiner Umgebung schenken müßte. Wie sehnt er sich nach der Gewißheit, daß Gottes Gegenwart im Handeln seiner Geschöpfe sichtbar würde!

          Damit aber ist es in diesem Roman nicht weit her. Der Teufel selbst, der Iwan im Delirium begegnet, scheint an Dostojewskis Werk mitgeschrieben zu haben: Die "Brüder Karamasow" bieten einen fetten Katalog von Gewalt, Mißhandlung und Quälerei. Die frei umhertreibenden Binnengeschichten des Buches handeln davon, wie Menschen erniedrigt und Kinder vergessen werden, wie ein Hund mutwillig mit einer Nadel gefüttert und ein Gänsehals aus einer Laune heraus unter das Rad der Kutsche gelegt wird. Auffallend viele Figuren sind im wörtlichen oder übertragenen Sinn elternlos, Ausgesetzte des Universums. Die Fragen, die Dostojewski ihnen stellt, umspülen sie wie eine steigende Flut: Warum sollen wir den anderen lieben (nicht foltern, nicht töten), wenn es keinen Gott gibt? Wann ist der Mensch frei? Wen sollen wir anbeten? Kommt ein Mörder ins Paradies?

          Der Roman sammelt seine Schrecken mit solchem Furor, daß es Aljoscha zufällt, unterstützt von seinem Autor, sich um die guten Taten zu kümmern. Daß der fromme junge Mann das literarisch überlebt, ist das eigentliche Wunder. Wie schon in "Verbrechen und Strafe" gibt Dostojewski seinem Buch auf den letzten dreißig Seiten einen tröstenden Aufwärtsschwung, der eine hellere Schrift an den Himmel malt, als die vorangegangenen zwölfhundert Seiten (oder frühere Romane wie "Der Idiot" und "Böse Geister") ahnen ließen. Diese verzweifelte Glaubensbekräftigung, die ästhetisch auf kurzen Beinen steht, kann die lodernden Höllenfeuer der "Brüder Karamasow" natürlich nicht vergessen machen, und sie soll es auch nicht. Es ist Dostojewskis Inferno, nicht sein Paradies, an das seine Leser sich jahrzehntelang erinnern.

          Von jetzt an heißt es: Fort mich euch, ihr alten Übersetzungen! Wir wollen nur noch den klaren, rhetorisch versierten Dostojewski von Swetlana Geier. Wir wollen nicht mehr lesen: "Sprich, du stinkender Hund!" Und erst recht nicht: "Sprich, du stinkender Spitzbube!" Sondern nur noch: "Rede, du Stinktier!" Für die nächste Auflage zwei Korrekturvorschläge: Im ersten Romanviertel (danach verblüffenderweise gar nicht mehr) sind ziemlich viele Kommata verweht, das ließe sich leicht beheben. Und allgemein sollte sich die Übersetzung an den üblichen Konjunktiv-Präsens halten, wo er gefordert ist, also "sei" schreiben und nicht "wäre", "gebe" und nicht "gäbe", "sehe" und nicht "sähe". Aber das sind Staubfäden auf einem gigantischen Teppich, der alle kommenden Winter überdauern wird.

          Fjodor Dostojewski: "Die Brüder Karamasow". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Swetlana Geier. Ammann Verlag, Zürich 2003. 1280 S., geb., 78,- [Euro].

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