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Amos Oz: Unter Freunden : Liebe deinen Nächsten, wenn er dich lässt

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Ohne die Gründungsideale der Kibbuz-Bewegung zu denunzieren, macht Oz ein ums andere Mal deutlich, dass es im Kibbuz-Kollektiv keine Privatheit und darum auch keine Geborgenheit geben kann. Der Nachtwächter Joav, der einst als erstes Kind im Kibbuz Jikhat zur Welt kam, denkt auf seiner Runde darüber nach, dass es für Alleinstehende im Kibbuz sogar schwerer ist als anderswo, „weil es kein geeignetes Mittel gegen Einsamkeit gab. Schlimmer als das: Von der Grundidee her verneinte unsere Gesellschaftsform die Einsamkeit.“ Später kommt Oz auf die zentrale Erkenntnis des Jungen Mosche zurück: „Barfuß stand Osnat am offenen Fenster und sagte sich, dass vermutlich die meisten Menschen mehr Wärme und Zuneigung brauchten, als die anderen ihnen je geben konnten, und dass kein Kibbuz-Ausschuss je dieses Defizit zwischen Bedürfnis und Erfüllung decken konnte.“

Die gütigen Augen von Amos Oz

Bestürzend führt das die Geschichte „Ein kleiner Junge“ vor. Der fünfjährige Juval macht jede Nacht ins Bett, weshalb er von den anderen im Kinderhaus verhöhnt und von den Erzieherinnen ständig ermahnt wird. Sein Zuhause bietet ihm keinen Trost, denn Juvals Mutter Lea verweigert „Umarmungen und Küsse und glaubte daran, dass die Kinder unserer neuen Gesellschaft stark und abgehärtet zu sein hatten“. Sein Vater, der Schlosser Roni, ist ganz anders; er küsst und umarmt seinen Sohn - aber nur, wenn seine Frau, vor der er sich fürchtet, es nicht sieht. Juvals einziger Gefährte in seiner völligen Isolation mitten im lärmenden Kinderhaus ist seine Gummi-Ente.

Als die anderen Kinder sie ihm eines Abends kaputt machen, flieht Juval in höchster Not aus dem Schlafsaal nach Hause. Lea ist nicht da, so dass sein Vater seiner Zärtlichkeit für sein Kind freien Lauf lässt - wie auch seiner Wut auf diejenigen, die es drangsaliert haben. Daraufhin wird Roni vom ganzen Kibbuz abgekanzelt, und Lea entzieht ihm jegliche Verantwortung für seinen Sohn, der „zu seinem eigenen Wohl“ ins Kinderhaus zurückkehren muss. Später heißt es beiläufig, dass der Vorstoß mehrerer Eltern, die ihre Kinder nachts wieder zu Hause bei sich haben wollten, von der Kibbuz-Verwaltung abgeblockt wurde. Die Familie, die der Kibbuz Jikhat in der ersten Zeit nach seiner Gründung war, ist längst heillos zerstritten. „Keiner liebte mehr seinen Nächsten.“ Mit den Bedürfnissen erstickt das Kollektiv auch die guten Eigenschaften seiner Mitglieder.

„Unter Freunden“ erzählt davon mit der Würde und Einfachheit großer Kunst. Die Literatur von Amos Oz besticht durch eine Aufmerksamkeit, mit der sich nicht nur Respekt verbindet, sondern auch Liebe und Fürsorge. Obwohl jeder der Charaktere auf seine jeweils eigene Weise untröstlich ist, bewirkt die Lektüre des Buchs das Gegenteil. Denn dadurch, dass wir Boas und Osnat und Zvi und Luna und Nachum und Juval durch die gütigen Augen von Amos Oz sehen und ihre Traurigkeit so auch ein wenig die unsere wird, erfahren wir Zuneigung. Und davon kann man bekanntlich nie genug bekommen.

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