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Amir Hassan Cheheltan: Amerikaner töten in Teheran : Selbstzufriedenheit ist nicht Sinn des Regierens

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Die kaum vierzig Seiten sind ein großer Moment in der iranischen Literatur schon deshalb, weil sie die gängige Sichtweise, die von nahezu allen Iranern gleich welcher Couleur geteilt wird, behutsam, aber doch unübersehbar, umkehren: Die CIA hatte bei diesem Umsturz ihre Finger im Spiel, gewiss; aber letztlich waren es doch die Iraner selbst, die Mossadegh vertrieben: opportunistische, schahtreue Militärs, die Geistlichen, und wieder ein von irrationalen Gefühlen getriebener Mob. Mossadegh und seine Leute werden - und das kommt im Rahmen der iranischen Diskussionen fast schon einem Sakrileg gleich - als unentschiedene Schwächlinge dargestellt, die die Chance verspielen, das Flugzeug des Schahs abzuschießen, und die den absehbaren Putsch wie ein unausweichliches Schicksal hinnehmen. Oder hat Mossadegh einfach nur human gehandelt, wie es die Worte nahelegen, die der Autor ihm in den Mund legt? „Das würde ein Blutbad geben. Regieren um jeden Preis? Das ist mir unmöglich!“ - „Der Sinn des Regierens ist nicht, mit sich selbst zufrieden zu sein!“ - „Aber auch nicht, sich deswegen zu hassen.“ Cheheltan schafft es tatsächlich, auch in dieser aufgeladenen Episode dem Leser kein Urteil vorzugeben. Im Rahmen der hochpolitisierten iranischen Literatur, gerade auch des Exils, ist dies ein kleines Wunder.

Sex und Tod als antagonistisches Verhaltensmuster

Die große Zeit der Jagd auf die Amerikaner in Teheran waren die siebziger Jahre, als das Regime des Shah immer rascher seinem Ende entgegenschlitterte und jeder Angriff auf die Amerikaner als Angriff gegen den Schah galt. Resa, Sohn eines Mossadegh-treuen Hauptmanns, besucht am Abend, bevor er den amerikanischen Oberst Hawkins erschießt, ein Bordell. „Bevor ich sterbe, muss ich mit einer Frau geschlafen haben. Nur wenn man lebt, weiß man das Leben zu schätzen. Was wissen wir denn davon, wo wir es uns doch selbst verboten haben?“

Als Resa schon in den Gefängnissen des Schahs sitzt, wird diese Lehre von seiner Schwester Mina auf ihre Weise interpretiert. Ohne Umstände geht sie mit George, einem jungen Amerikaner, ins Bett. Zuvor diskutiert George mit einem iranischen Professor über die persische Seele. Gibt es so etwas denn? Kann die Literatur, wie der Professor behauptet, einen Schatten auf das Schicksal eines Volkes werfen? „Ihre ständige Präsenz, selbst im gegenwärtigen Jahrhundert, macht unser Leben komplizierter, statt es zu erhellen.“ Der Amerikaner widerspricht, und auch seine Geliebte versucht, indem sie mit ihm schläft, den vorgegebenen Verhaltensmustern zu entkommen. Wenige Tage später werden beide bei einem Restaurantbesuch durch einen Anschlag getötet.

Ein filigraner Spiegel für die Iraner

Die islamische Revolution, die Religion und Gruppenzwang statt Aufklärung und individuelle Lebensführung propagiert, passt in dieses Muster. Aber die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran im November 1979 spart Cheheltan überraschenderweise aus. Ihn interessieren die Individuen am Rand der öffentlichen Wahrnehmung. In den letzten beiden Episoden rückt die Mutter Rezas ins Zentrum. Ihr Sohn hat unter der Folter Gesinnungsgenossen verraten. Vor der Schande, die damit über sie kommt, rettet auch sie sich in den Aberglauben.

Vorsichtig, fast wie ihm Umgang mit einem Patienten, hält der Autor den Iranern den Spiegel vor. Nicht für uns, die wir es lesen, sondern für sie, die es wegen der Zensur nicht lesen können, ist dieses subtile Buch geschrieben. Die plumpen westlichen Leser (und mit ihm übrigens die beiden Übersetzer) bewegen sich darin wie der Elefant im Porzellanladen und hätten es an vielen Stellen vermutlich gern expliziter und weniger deutungsoffen. Dass Cheheltan dieses Bedürfnis, anders als viele Exilautoren, nicht bedient, ist ihm hoch anzurechnen. Authentischer als hier ist die iranische Literatur der Gegenwart für deutsche Leser derzeit nicht zu erfahren.

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