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: Amerikaner sind gern in Alteuropa

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So geht das seitenweise, immer wieder eingestreut in die Handlung dieses solide gearbeiteten historischen Romans, der die Kenntnis seines Autors vom Werk Walter Scotts nicht verleugnen kann noch will: Beschreibungen von sozialen, wirtschaftlichen oder religiösen Verhältnissen der Reformationszeit münden gern in Andeutungen, lieber noch in direkte Erörterungen, wie es sich im Gegensatz dazu im Land der Freien verhalte. Amerika hat es besser, soviel steht fest, aber auch wenn die besuchte Hemisphäre in Coopers Augen nach dem amerikanischen Regierungssystem und dessen "unwiderlegbaren Prinzipien" verlangt, ist ihm missionarischer Eifer ganz fremd; er fungiert zwar in seinen sieben europäischen Jahren als Konsul seines Landes, nimmt aber keine größere Funktion wahr, die etwa auf eine Propagierung eines demokratischen Regierungssystems abzielte.

Doch die unbedingte Wertschätzung der eigenen Nation erfährt schon bald nach der Publikation der "Heidenmauer" einen empfindlichen Stoß. Der Cooper-Kenner Arno Schmidt hält in seinem biographischen Nachwort zu Coopers Roman "Conanchet" fest: "Wenn man sich seine Bücher dergestalt sortierte, daß links die vor, rechts die nach 1835 zu stehen kämen, und dann aus jeder Abteilung für sich je 1 Bild der USA herausdestillierte, dann würde man links einen hoffnungsvollen, athletisch aufblühenden jungen Riesenstaat erblicken, bevölkert von anmutig-hülflosen Frauen und ebenso bienenfleißigen wie kühnunternehmenden Männern - und rechts ein krakenhaft widerliches Gebilde, nasgeführt von korrupten Politikern, spinnenbeinigen Rechtsverdrehern und gleisnerischen Neu-England-Lehrern, und das allerschlimmste ist noch der kulturelle Tiefstand und die an ihm Hauptschuldigen, die Journalisten."

Denn auch das klingt verhalten aus der "Heidenmauer", deutlich aus Coopers Reisebuch "Lebensbilder aus Frankreich, den Rheinländern und der Schweiz" heraus: Der Autor genießt die Relikte der Vergangenheit mit weitaufgerissenen Augen; liebevoll malt er die Trümmer der Limburg und der Hardenburg mit Interieurs aus, die nicht immer von der geschilderten Zeit zeugen (so wirkt die Limburg, geschildert im Moment einer Messe und der darauf folgenden Zerstörung, eher wie eine barocke Anlage), wohl aber von dem Wunsch der Einfühlung in eine Zeit, die in Coopers Anschauung fragwürdige Regierungsformen mit Schönheit und einem Sinn für Genuß verband, der auch dem reisenden Autor nicht fremd war - seine Schilderung der Weingelage gründet sich ersichtlich auf eigene Erfahrung, und sein Reisebuch zeugt von einem differenzierten önologischen Urteilsvermögen.

Am Ende der "Heidenmauer" hat der Fürst in weltlicher Hinsicht über die Mönche der Limburg gesiegt, in geistlicher Hinsicht hat er sich ihnen neuerlich untergeordnet. Das alte Europa, soviel steht fest, wird sich noch lange nicht aus den Verstrickungen lösen, die es hindern, demokratischen und freiheitlichen Prinzipien zu folgen. Daß mit dieser Situation auch wirtschaftliche Hemmnisse verbunden sind, zeigt Cooper deutlich. Und so beschwört er in seinem Buch eine europäische Vergangenheit herauf, um die amerikanische Gegenwart zu feiern - ein letztes Mal.

James Fenimore Cooper: "Die Heidenmauer oder Die Benediktiner". Verlag Pro Message, Ludwigshafen 2001.

Ders.: "Lebensbilder aus Frankreich, den Rheinländern und der Schweiz". M.-G.- Schmitz-Verlag, Kelkheim 2001.

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