https://www.faz.net/-gr3-wi9o

: Also gell, mir send doch gmüetlich

  • Aktualisiert am

Ein hübsches, leichtes, liebenswertes und interessantes Buch - nicht nur für diejenigen, die das Glück haben, tatsächlich im "schönsten Land in Deutschlands Gau'n" zu wohnen, wie es im "Badener Lied" heißt. Die Badener aber, natürlich, müssten sich ganz besonders über das Buch freuen. Selbst wenn es - unglaublich! - von einem Schwaben stammt.

          3 Min.

          Ein hübsches, leichtes, liebenswertes und interessantes Buch - nicht nur für diejenigen, die das Glück haben, tatsächlich im "schönsten Land in Deutschlands Gau'n" zu wohnen, wie es im "Badener Lied" heißt. Die Badener aber, natürlich, müssten sich ganz besonders über das Buch freuen. Selbst wenn es - unglaublich! - von einem Schwaben stammt. Da ist nämlich ein Problem. Die Norddeutschen sind sich oft keineswegs darüber im Klaren, dass zwischen Schwaben und Badenern ein Unterschied ist; sie meinen, wenn sie etwa in Freiburg sind, sie seien im Schwäbischen. Und die Badener, die oft vieles gegen die Schwaben haben, wissen nicht, und sie glauben es einem auch nicht, dass die Schwaben gar nichts gegen sie haben.

          Letzteres zeigt indirekt und sagt direkt auch dieses Buch des Oberschwaben Karl-Heinz Ott - Oberschwaben ist die Gegend zwischen der jungen Donau und dem Bodensee, dem "Schwäbischen Meer", dessen schönster Teil ohne Zweifel der badische ist. Wir stehen hier vor dem sehr seltenen Fall (gibt es überhaupt einen zweiten?) einer restlos einseitigen Abneigung. Allenfalls könnte man sagen, dass die Schwaben die Badener nicht so richtig wahrnehmen. Und die Schwaben haben dann wieder das Problem, fassungslos darüber zu sein, dass überhaupt einer sie nicht mag ("Also gell, mir send doch gmüetlich. Ons mog mer doch!"). Übrigens sollte man statt "Schwaben" eher "Württemberger" sagen, weil es Schwaben auch in Bayern gibt, die nördlichen Württemberger zum Teil Franken sind und die Oberschwaben in der Tat ein wenig aus Württemberg heraushängen.

          Keinesfalls aber sollte man (es gilt in Baden als Beleidigung) "Badenser" sagen; auch das Adjektiv "badensisch" ist ehrenrührig. Kurz, da ist im südlichen Baden (und eigentlich nur dort), also zwischen Lörrach und Karlsruhe, etwas geblieben vom Groll auf die gewaltsame Zusammenfügung (die einzige geglückte Neugliederung vor und nach der Wiedervereingung). "Willst du vermeiden Streit und Ärger, / Hüt dich vor jedem Württemberger", pflegte der damalige Staatspräsident Leo Wohleb zu reimen.

          Und zurückgeblieben ist auch - und nun sehr zu Recht - etwas von badischer Identität: Badener und Württemberger sind also in diesem Bundesland beieinander, aber gleichsam unvermischt und ungeschieden. Insofern rechtfertigt sich auch ganz und gar dieses neue und nur Baden gewidmete Heimat-Buch. Und ein Badener hätte es kaum anders, unmöglich aber sympathisierender schreiben können als der Schwabe Ott, der bisher vor allem durch zwei ernste Romane, "Ins Offene" und "Endlich Stille", mehr als aufgefallen ist. Übrigens geht Ott in diesem nun ganz anderen Buch auch ein wenig - denn auch dort redet man Alemannisch - auf die linke und die südliche Seite des Rheins, wo man, also im Elsass und in der Schweiz, alle Deutschen - und nun gerade die Norddeutschen, etwa die Berliner - "Schwoba" nennt.

          Originell ist das rasante letzte Kapitel "Was fehlt", in dem der Autor in schön und witzig geraffter Liste aufzählt, wovon er unbedingt auch hätte reden sollen. In einem solchen Buch mögen in der Tat (es ist ja aber auch sonst eine verbreitete Haltung) viele Leser nur erfahren, was sie schon wissen. Sie wollen Selbstbestätigung und ärgern sich da eher über das Neue. Diese Leser werden hier enttäuscht sein, denn sie erfahren Neues.

          In den Badenern sieht Ott vor allem die Mischung von "Gemächlichkeit und Gemütlichkeit" einerseits, "Renitenz" und "Revoluzzertum" andererseits. Letzteres zeigte sich zum Beispiel, als es vor fast vierzig Jahren in Wyhl am Kaiserstuhl um den Bau eines Kernkraftwerks ging. Da ergab sich sogar eine enge Zusammenarbeit zwischen Achtundsechziger-Studenten und Bauern - ein singulärer Fall. Man kann, was diesen Punkt angeht, bis 1848 und weiter bis zu den Bauernkriegen zurück gehen. Ja, und die dominierende, diese so gar nicht streit- oder auch nur diskussionssüchtige, sondern im Normalfall zur Harmonie entschlossene "Gemächlichkeit" liegt auf der Hand (da ist ein Unterschied zu den Württembergern, die ganz gern mal streiten und auch schon mal "hudeln"). Der größte Schriftsteller oder Dichter aus diesem Gebiet, Johann Peter Hebel, vertritt ja aufs Allerschönste jene urbane Gemächlichkeit, und zwar in ihrer aufgeklärt humanen Form. Ott ist ein gelehrter Dichter: Wo immer Kulturelles zu vermelden ist, tut er es - aber stets unbeschwerlich. Dasselbe gilt für Geschichtliches. Und da beginnt das einschlägige Kapitel natürlich mit Cäsars selbstbewusstem Gegner, dem Suevenfürsten Ariovist.

          Aber Ott berichtet nicht nur von Altem, sondern auch (und mehr noch) von Neuem. Und wie ein guter Lehrer tut er es locker plaudernd, stets jedoch solide. Sogar über den "Seinsdenker" Heidegger vermag er so zu reden - übrigens: "Todtnauberg i. Bad. Schwarzwald" heißt es betont in der Widmung für Husserl von "Sein und Zeit" (auch der Schwarzwald ist zweigeteilt).

          Dann ist da aber noch ein Kapitel, in dem es um das Essen und das Trinken in Baden geht, und sehr bekanntlich ist dies ein großes Positivum der Gegend - ist in dieser Hinsicht, in Deutschland, versteht sich, irgendeine andere besser? Schwerlich. Und auch hier zeigt sich Ott als umsichtiger, realistischer und bodenständig solider Kenner. Wie gesagt - ein interessantes, kultiviertes, gut geschriebenes, ein in jeder Hinsicht hübsches (auch übrigens hübsch aufgemachtes) Buch.

          HANS-MARTIN GAUGER

          Karl-Heinz Ott: "Heimatkunde Baden".

          Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2007.

          223 S., geb., 14,95 [Euro].

          Weitere Themen

          So schön leer hier!

          Undertourism in Deutschland : So schön leer hier!

          Alle klagen über Overtourism. Dabei gibt es in Deutschland viele Gemeinden, in die sich nur selten Besucher verirren. Seelze in Niedersachsen etwa, Weida in Thüringen oder Rheinstetten in Baden-Württemberg. Ein Blick auf die Zahlen.

          Topmeldungen

          Schwäche der Parteien : Mehr Macht den Parlamenten

          Situationen wie in Thüringen wird es künftig öfter geben: Es findet sich keine Koalition mit einer Mehrheit im Parlament. Dadurch wird die Politik unübersichtlicher. Aber das muss nicht schaden – im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.