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: Als unsere Tage immer fremder wurden

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Wie soll man mit Muslimen umgehen? "Wer mit ihnen erfolgreich verhandeln will, muß, erstens, ehrenhaft und wahrhaftig sein. Zweitens muß er mit ihren Sitten und Gebräuchen vertraut und zumindest diesen gegenüber aufgeschlossen sein, wenn nicht gar gegenüber den Gesetzen und der Religion des Islam." ...

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          Wie soll man mit Muslimen umgehen? "Wer mit ihnen erfolgreich verhandeln will, muß, erstens, ehrenhaft und wahrhaftig sein. Zweitens muß er mit ihren Sitten und Gebräuchen vertraut und zumindest diesen gegenüber aufgeschlossen sein, wenn nicht gar gegenüber den Gesetzen und der Religion des Islam." Diesen Rat gab Richard Francis Burton in der Einleitung zu seiner berühmten Übertragung von "Tausendundeiner Nacht" (1885 bis 1888). Den ersten Teil seiner gerade in unseren Tagen immer noch (oder wieder?) kühn und provokativ klingenden Ermahnung hat der berühmte Orientalist, Diplomat und Entdecker selbst allerdings kaum erfüllt, den zweiten dafür um so mehr.

          Man könnte sogar sagen, daß die beiden Ratschläge sich im Leben Burtons gegenseitig im Weg gestanden, ja sogar ausgeschlossen haben: Denn wer wie er in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts als Ungläubiger die Hadsch, die für Muslime vorgeschriebene Pilgerfahrt nach Mekka und Medina, unternahm, der konnte gar nicht bei der Wahrheit bleiben: Beschnitten und als Muslim verkleidet, unternahm der polyglotte Burton diese Reise, deren Schilderung ihn zur lebenden Legende machte. Wer das Fremde wirklich im Innersten kennenlernen will, der muß ihm täuschend ähnlich werden: Verstellung ist die Erkenntnismethode; Wahrhaftigkeit bedeutete Todesgefahr.

          Das selbst wie ein Roman, wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht erscheinende Leben Richard F. Burtons (1821 bis 1890) ist als literarischer Stoff ebenso reizvoll wie tückisch: Schon als junger Mann mischte er als britischer Agent in Persien mit, spionierte in Indien, reiste als arabischer Kaufmann durch Somalia und als afghanischer Arzt durch Arabien, beteiligte sich an der hitzigen Suche nach den Nilquellen und erreichte immerhin als erster Europäer den Tanganjikasee, bereiste Amerika und verfertigte in späten Jahren maßgebliche Übersetzungen und Kommentare zu "Tausendundeiner Nacht" und dem Kamasutra, beherrschte fast dreißig Sprachen, darunter Arabisch, Farsi, Kisuaheli und mehrere indische Idiome: Reizvoll, aber tückisch deswegen, weil es dort, wo im Grunde nichts mehr dazuerfunden werden müßte, darauf ankommt, sich vom Material zu emanzipieren. So wird ein Roman über Burton zur Nagelprobe dessen, was Fiktion überhaupt leisten kann, was die Literatur dem Leben selbst voraushat.

          Ilija Trojanow, um es gleich zu sagen, besteht diese Probe. Und er besteht sie glänzend. Von Beginn an findet er einen Ton, der den Leser hineinzieht in ein sinnliches und gedankliches Abenteuer, auf eine Reise ins Unbekannte: "Nach Monaten auf See, zufälligen Bekanntschaften ausgesetzt, Gerede ohne Maß, bei Wellengang die Lektüre rationiert, Tauschgeschäfte mit den Dienern aus Hindustan: Portwein gegen Wortschatz, aste aste im Kalmengürtel, was für ein Kater!, khatarnak und khabardar im Sturm vor dem Kap, die Wellen schlugen an in steiler Formation, kein Passagier hielt sein Abendessen in dieser Schieflage, manches war schwer auszusprechen, die Tage wurden zunehmend fremder, jeder redete mit sich selbst, so trieben sie dahin über den indischen Teich." So beschreibt Trojanow im ersten Teil des Buchs die Ankunft Burtons in Indien - und macht danach bis in die Gerüche und Geräusche, in das Getümmel und Getöse der Märkte, das Getuschel und Geraschel der Freudenhäuser die Fremdheit der neuzuentdeckenden Schauplätze und Figuren sinnlich wahrnehmbar - der an der literarischen Reportage geschulte Trojanow ist hier in seinem Element (ein Glossar übersetzt die zahlreichen Ausdrücke aus den Originalsprachen, die wenigstens einen schwachen Eindruck vom Sprachgewirr geben sollen).

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