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Literatur aus dem Kaukasus : Als Goldregen die Farben zerstörte

Ein paradiesischer Ort, den heute nur noch sehr Mutige besuchen: In der abchasischen Hafenstadt Sochumi springt ein Mädchen ins Schwarze Meer. Bild: Laif

Der Krieg lässt eine Frau erscheinen und bringt dann alle Frauen zum Verschwinden: Ein exquisiter Sammelband stellt Erzähler aus Georgien und dessen abtrünniger Provinz Abchasien vor.

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          Noch vor der Auflösung der So­wjetunion bezeichnete der russische Physiker und Menschenrechtler Andrej Sacharow Ge­orgien als das „Kleine Imperium“, weil es seinen von ethnischen Minderheiten be­siedelten Regionen keine Autonomie ge­währen wollte. Anfang der neunziger Jahre kam es in der Schwarzmeerprovinz Abchasien zum durch Russland unterstützten Sezessionskrieg sowie Vertreibungen, in deren Folge Abchasien heute ein de facto unabhängiger, wenn auch nicht international an­erkannter, verarmter und von Kriminalität bestimmter Staat ist. Im Kaukasuskrieg 2008 spaltete sich mit russischer Hilfe auch Südossetien von Georgien ab. Da diese Regionen praktisch unzugänglich sind, ist es umso verdienstvoller, dass mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung Südkaukasus unter dem Titel „Der Feigenbaum“ jetzt eine Sammlung neuerer abchasischer und georgischer Erzählungen in feiner deutscher Übersetzung herausgekommen ist, die eine ausgeblendete Kultur wieder auf die Landkarte bringt und zugleich ein Gespür für ihre archaische Eigentümlichkeit, aber auch Bildgenauigkeit vermittelt.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Band präsentiert ein Dutzend Texte von sechs abchasischen und sechs georgischen Autoren, wobei die ersteren an Umfang und Monumentalität überwiegen. Alle verklammert eine schicksalhafte Berührung durch den Krieg. In der Titelgeschichte des auch in Russland be­kannten abchasischen Autors und Übersetzers Denis Chachkhalia (auszusprechen als: Tschatschchalia) ist es noch der Zweite Weltkrieg, aus dem der betagte abchasische Dörfler einst seine ganz un­abchasisch lebhafte ukrainische Frau mit­brachte. Seine Leidenschaft für sie gleicht der für süße Feigen, denen er, das Dekorum maskuliner Würde verletzend, mit zunehmendem Alter erotisch-kulinarisch verfällt. Nach kinderloser Ehe stirbt er höchst symbolisch infolge eines Sturzes vom Feigenbaum. Und mit melancholischem Humor schildert Chachkhalia, wie die Verwandtschaft die Todesursache umdichtet und die fremdstämmige Witwe das Dorf verlassen muss.

          Der Wildvogel liegt erschossen im Sarg

          Auch die Novelle von Aleksei Gogua „Solange die Sonne noch am Himmel steht“ rekapituliert die Geschichte einer ungleichen Liebe im Fokus des Todes, diesmal während des georgisch-abchasischen Konflikts. Die Tochter aus besserem Haus, auf die ein Führungskaderspross ein Auge geworfen hatte, hat ei­nen Handwerkersohn geheiratet, sehr zum Unmut beider Familien. Aus der Sicht der schwangeren Frau geschrieben, ist der Text auch eine Hymne an die Bodenständigkeit. Sie vergleicht ihren früh ergrauten Mann, der schön singen konnte, mutig und ein erfolgreicher Partisanenführer war und nun erschossen im Sarg liegt, mit einem Wildvogel, und ihren hochnäsigen, von der Mutter favorisierten Galan mit wohlgenährtem Nutz­geflügel. Da sie noch während der Trauerfeier niederkommt, ertönen die Gewehrschüsse, mit denen hier sowohl der Tote verabschiedet als auch das Neugeborene begrüßt werden, fast gleichzeitig.

          „Der Feigenbaum“.  Literatur aus dem  Kaukasus. Abchasische und  georgische Erzählungen. Hg. von Guram Odischaria und Roin Agrba.  Klak Verlag, Berlin 2021. 257 S., br., 16,90 €.
          „Der Feigenbaum“. Literatur aus dem Kaukasus. Abchasische und georgische Erzählungen. Hg. von Guram Odischaria und Roin Agrba. Klak Verlag, Berlin 2021. 257 S., br., 16,90 €. : Bild: Verlag

          Wie Gogua vergegenwärtigt auch die Dichterin Neli Tarba (1934 bis 2014) in „Apsymia, die Sonne der Toten“ den Kontrapunkt intimer Anziehung und Ab­stoßung, von Verlustschmerz und Trost durch Refrainformeln, die die vergehende Zeit beschwören. Ein liebendes Paar nimmt mangels eigener Kinder einen Jungen zu sich, der sich aber nur an den Gatten bindet und, als dieser an die Front ziehen muss, die Ziehmutter verlässt. Doch dann findet die verzweifelte Frau eine Kriegswaise, die, als ihr Mann ihr aus dem Jenseits den eigenen Tod mitteilt, ihr den Gefallenen ersetzt. Mit großer Zartheit schildert Tarba, wie das selbst unglückliche Kind aus Mitleid mit der wehklagenden Frau sich ihrer erbarmt und sie als Ersatzmutter annimmt.

          Die georgischen Texte, die urbaner, moderner, raffinierter wirken, verdeutlichen ein Kulturgefälle. Der großartige Abo Iaschaghaschwili verklammert in seiner Miniatur „Chroniken des Holin­shed“ filmische Szenen von Freunden, die während des georgischen Bürgerkriegs den Umgang mit Waffen lernen, mit dem Wissen des Chronisten um dadurch vernichtete Kulturschätze und den frühen Tod seiner Helden. Diana Anfimiadi, eine Sprachartistin mit griechischen Wurzeln, schildert in „Die To­ten“ eine Busfahrt in ihre historische Heimat mit zahlreichen blinden Passagieren als Reise zu den Müttern der Kultur. Schon ihr Versuch, unterwegs zu schlafen, was von einem redseligen Nachbarn mit mythischem Namen vereitelt wird, und die Matronen, die vor der Grenze im Kofferabteil abtauchen, suggerieren eine Überfahrt in ein illegales Phantasiereich. Und tatsächlich: Als sich der vermeintliche Klavierkasten als Sarg einer alten Frau erweist, wird die Märchenwirklichkeit lebendiger als die Realität.

          Virtuos schließlich die poetischen Prosasplitter, mit denen Guram Odischaria, der damals im abchasischen Sochumi lebte, in der Geschichte „… und sagte der Vogel zu Gott“ komprimiert nacherleben lässt, wie der Bürgerkrieg ausbrach. Der Artilleriebeschuss beginnt als Goldregen, der an eine göttliche Erscheinung denken lässt. Doch er zerstört das Licht, die Farben, das Aroma der Stadt, wirft ihre Bewohner zu Boden, vereist ihre Herzen und bedeckt alles mit einer nicht abwaschbaren Schwärze. Odischaria führt die Phänomenologie des Krieges vor Augen, der Frauen verschwinden lässt und durch Waffen die Welt vermännlicht. Soldat gewordene Bürger üben das Schießen an Hunden, Katzen und dann aneinander. Expressive Bilder zeigen, wie Nachbarn und Jugendfreunde einander umbringen, wie die Raketenwerfer nahe dem georgischen und dem abchasischen Lokal beide zerstören, re­frainartig unterbrochen durch sinnlose Bitten an einen Freund, das zu erklären. Odischaria wurde später georgischer Kulturminister, er ist in der Konfliktforschung aktiv und beteiligt sich regelmäßig an georgisch-abchasischen Friedensgesprächen.

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