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Skandalroman „Tampa“ : Frau sucht kleine Jungs für schmutzige Spiele

Das Vorbild: Debra Lavafe wurde auf Bewährung verurteilt Bild: picture alliance / AP Photo

Das kontroverseste Buch des Jahres in Amerika: Alissa Nuttings Pädophilie-Roman „Tampa“ beschreibt die sexuelle Beziehung zwischen einer Frau und einem minderjährigen Jungen. Nach einem realen Fall.

          3 Min.

          In diesem Buch geht es um Sex, um verbotenen Sex, und das auf knapp dreihundert Seiten. Er spielt sich zwischen einer Lehrerin und ihrem minderjährigen Schüler ab, und damit jedem Leser klar wird, worüber wir hier reden und welchen Ton Alissa Nutting, die junge Autorin des Buchs „Tampa“, von Beginn an anschlägt, ein paar Beispiele: „Ich will riechen, wie du in deiner Hose kommst.“ Oder: „Meine Pussy krampfte bei der Vorstellung, Jack in seinem eigenen Bett zu ficken.“

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieser Jack ist ein vierzehn Jahre alter schüchterner Junge mit einem schmalen Kleinejungskörper. Er hat keinen Sex, aber angefangen, davon zu träumen. Für seine sechsundzwanzigjährige Lehrerin Celeste Price stellt er das perfekte Verführungsopfer dar - und so wird sie ihn bald mit Haut und Haar verschlingen.

          Alissa Nutting erzählt in ihrem Debütroman „Tampa“ eine von einem realen Fall inspirierte Geschichte. Im Jahr 2005 stand die damals dreiundzwanzig Jahre alte High-School-Lehrerin Debra Lafave in Florida vor Gericht, weil sie einen minderjährigen Schüler sexuell verführt hatte. Die Sachlage war zwar eindeutig, nur kam bei diesem Fall etwas hinzu, was vor Gericht keine Rolle spielen dürfte: Debra Lafave war enorm attraktiv. Ihre Bilder, die durch eine elektrisierte Presse gingen, zeigen eine sehr blonde, anziehende Frau. Die Vorstellung, dass mancher Teenager beim Anblick einer solchen Lehrerin aus dem Häuschen gerät, liegt nah. Diese Frau, sagte Lafaves Anwalt, sei zu schön, um ins Gefängnis zu gehen.

          Auskosten von Reinheit und Unschuld

          Kommen wir zurück zu Celeste, die genauso attraktiv wie Debra Lafave ist. Ihr Haar ist ebenso blond, die Figur ebenso perfekt, und die Haut schimmert rein und glatt. Celeste Price ist besessen von dem Gedanken, ihr jugendliches Aussehen zu konservieren, koste es, was es wolle. Konsequenterweise stehen auf ihrem Körperoptimierungsplan regelmäßige Besuche beim ästhetischen Dermatologen mit Sauerstoff-Facials, Botoxbehandlungen sowie Fruchtsäurepeelings: „Zur möglichst effektiven Vereinigung von Körper und Geist versuchte ich mir vorzustellen, ich würde während der Behandlung tatsächlich jünger: Ich sah mein vierzehnjähriges Ich in der Ferne stehen und darauf warten, dass ich es einholte und wieder in seinen Körper schlüpfte. Jede Sitzung drehte die Uhr um ein paar Monate zurück und brachte mich ihm einen Schritt näher.“ Und da das Alter Celeste Price anwidert, widert sie auch der Sex mit erwachsenen Männern an. Die Faltenphobikerin kann ihrem Ehemann lediglich in berauschtem Zustand körperlich nah sein.

          Es wäre ein Fehler, „Tampa“ in eine Linie mit dem Megabestseller „Fifty Shades of Grey“ zu stellen. Vom sogenannten Mommy-Porn-Genre, das in etwa so erotisch anmutet wie die „Eis am Stil“ Filme der siebziger Jahre, ist „Tampa“ denkbar weit entfernt. Alissa Nutting zeichnet das Psychogramm einer kranken, zutiefst egoistischen, Frau, deren Sucht nach Befriedigung derart existentiell ist, dass sie über Leichen geht. Mitunter nimmt dies satirische Züge an - zum Beispiel in jener Szene, als Celeste Price, ausgestattet mit Decke, Fernglas und Vibrator, zu Jacks Haus fährt in der Hoffnung, einen Blick auf den Knaben zu erhaschen. Und einmal, in jenem Stadium, als sich das maximale Lustempfinden nicht mehr ohne Tricks herbeifummeln lässt, steckt Celeste den verliebten Jack einfach in sein altes Halloweenkostüm. In solchen Momenten ist „Tampa“ eine Satire auf eine übersexualisierte Gesellschaft, die kollektiv dem Jugendwahn verfallen ist. Celeste ist ihr Produkt: Sie ist besessen vom Reiz der kurzen Zeitspanne zwischen Kindheit und Erwachsensein und wird geschüttelt von Panik angesichts ihrer ersten Fältchen. Sie will Reinheit und Unschuld auskosten und Macht ausüben, indem sie zerstört, was sie genießt.

          Die hübsche Frau als Sexualstraftäterin

          Literarisch ist das unerheblich. Aber Alissa Nuttings Kritik an einer auf Äußerlichkeiten fixierten Optimierungsgesellschaft, deren moralische Bewertungsmaßstäbe nicht selten durcheinander geraten, sitzt. Man kann diesen Roman durchaus auch als eine Art Selbstprüfung lesen. Inwiefern ist man selbst bereits in die Optimierungsfalle getappt?

          „Erwachsene, die Kinder sexuell missbrauchen, verdienen eine angemessene Strafe. Es sollte keinen Unterschied machen, ob ein Straftäter ein rauher, bärtiger Buhmann ist oder eine langbeinige Blondine mit makellosem Make-up“, schrieb die Chefin der Zeitung „Orlando Sentinel“ über den Fall Lafave. In den Vereinigten Staaten wurde der Roman als „kontroversestes Buch des Jahres“ heftig diskutiert und zum Teil sehr positiv besprochen. Kritikerinnen zogen sogar den Vergleich mit Nabokovs „Lolita“ und „American Psycho“ von Bret Easton Ellis. Das ist zweifellos zu hoch gegriffen, aber Alissa Nutting wirft eine Frage auf, die in der Diskussion um Pädophilie nicht ausgespart werden sollte: Stört uns sexueller Missbrauch weniger, wenn er von einer schönen jungen Frau begangen wird?

          Alissa Nutting

          Debra Lafave musste übrigens nicht ins Gefängnis. Weil die Familie des Opfers den Jungen angesichts des Medienrummels keiner weiteren Traumatisierungsgefahr aussetzen wollte, erschien er nicht vor Gericht, und Lafave kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

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