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: Alles aus Liebe

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Viel ist über Tanguy Viel nicht zu erfahren. Er ist Mitte dreißig, in Brest geboren, lebt jetzt in einem Ort namens Meung-sur-Loire in der Nähe von Orléans, und man kann sich schon vorstellen, dass man in einem Ort mit diesem Namen schöne Romane schreiben kann, kurze Romane, die sich beim Zuklappen nach der letzten Seite anfühlen, als käme man aus dem Kino.

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          Viel ist über Tanguy Viel nicht zu erfahren. Er ist Mitte dreißig, in Brest geboren, lebt jetzt in einem Ort namens Meung-sur-Loire in der Nähe von Orléans, und man kann sich schon vorstellen, dass man in einem Ort mit diesem Namen schöne Romane schreiben kann, kurze Romane, die sich beim Zuklappen nach der letzten Seite anfühlen, als käme man aus dem Kino. Wo man gerade einen Film gesehen hat, einen französischen natürlich, mit komplizierten Verstrickungen der Protagonisten untereinander, einigen guten Dialogen und gezielt eingesetzten, bekannten Sujets, ein paar Landschaftsaufnahmen, anrührend und ein bisschen böse. Diese Elemente, eine Liebe und eine Kriminalgeschichte hat Tanguy Viel in seinem Roman "Unverdächtig" mit jener Leichtigkeit zusammengefügt, die man französischen Kulturprodukten gerne zuschreibt. Tatsächlich ist "Unverdächtig" ein Paradebeispiel erzählerischer Leichtigkeit in Kombination mit inhaltlicher Wehmut und der richtigen, wichtigen Prise Zorn, wie man sie sonst selten findet.

          Die Geschichte ist ein ironischer Drahtseilakt von Dilettanten: Man weiß, dass sie fallen werden, und da, wo die Katastrophe dem Humor einen Gutenmorgenkuss gibt, genau da befinden wir uns. Im ersten auf Deutsch erscheinenden Roman des in Frankreich durch seine drei anderen Romane schon bekannten Autors geht es um eine ménage à trois, um ein Liebespaar, das sympathisch aufgeregt versucht, kriminell zu sein, und sein Opfer, das eigentlich Täter ist.

          Zwischen Meer, Kleinstadt und Golfplatz, will man gerne glauben, gibt es nicht viele andere Möglichkeiten, als einer romantischen Vorstellung von Liebe nachzugehen, so intensiv, dass es außer der Liebe fast nichts mehr gibt. Das tun die Protagonisten. Weil sie aber trotz oder gerade wegen großer Liebe aus ihrer Welt ausbrechen wollen - so genau erfährt man das nicht -, entwickeln sie einen Plan. Der allerdings ist zum Scheitern verurteilt (wer glaubt denn wirklich noch an Entführungen?). Weil es nicht viel anderes gibt in ihrer Welt außer einem Nachtclub und einem Fernseher und einer Wohnung, in der die Fensterläden meistens geschlossen sind, reden sich Sam und Lise jedoch ein, ihr Plan sei perfekt, sie opfern ihre Zweisamkeit und spielen ihr Spiel. Lise heiratet den reichen Henri, um an sein Geld zu kommen. Sam, den Lise ab da als ihren Bruder ausgibt, versetzt das in eine nicht enden wollende Katerstimmung, er muss "die Fähigkeit der natürlichen Welt" erleben "sich zu regenerieren, ohne mich".

          Zorn und Wehmut

          Dieses Büchlein gewinnt seinen Charme auch daraus, dass es sich mit einem Plot tarnt, mit Spannungselementen des Krimis, dabei geht es eigentlich darum, abzurechnen und der Verachtung Ausdruck zu verleihen gegenüber dem Reichen, der schlechte Witze macht, sein Auto streichelt, impotent ist und hilflos und feige. Wahrscheinlich ist es Tanguy Viel gelungen, mit der Figur des Henri eine der unsympathischsten Romanfiguren der letzten Jahre zu beschreiben, so unsympathisch, dass sie schon wieder Mitleid erzeugt. Die kritische Wut des Erzählers speist sich aus der Lücke zwischen dem Zwang, unverdächtig sein zu müssen, und dem durchschimmernden Zweifel an allem - an der Idee, etwas verändern zu müssen, und an der Perfektion des Plans. Vor allem aber zeigt sich die große Abneigung gegen das Leben beim Golfspielen, dem Kristallisationspunkt aller Bildungs-, Sozialisierungs- und Klassenunterschiede: "Aber ich musste an die unendlich langen Stunden denken, in denen ich den Abschlag übte, das Tee schlecht plazierte, mir den Rücken verdrehte, um einen Ball irgendwohin zu befördern, zweihundertfünfzig Meter weiter, tagelange Plackerei, stets von dem Gedanken begleitet, durch Golfspielen lasse sich ein neues Leben ergattern, und ich dachte: Wie man doch manchmal innerlich zerstört sein kann, ohne dass etwas davon nach außen sichtbar wird."

          Tanguy Viel denkt schreibend. Dass Thomas Bernhard zu seinen Vorbildern gehört, merkt man an der plastischen Spiralenform, in der sich seine Sätze auftürmen, um dann auf einen Nebensatz zu stürzen, in dem wie beiläufig erwähnt wird, was passiert. Doch wirkt das an keiner Stelle manieriert, es ist kein durchgepeitschter Stil. Beim Sprung durch die Perspektiven und beim Jonglieren mit Erzählzeiten wird ganz lapidar eine böse Vorahnung heraufbeschworen, die den Ausgang dieses Liebeskrimis vorhersehbar macht, um den Leser dann doch vor den Kopf zu stoßen, so abrupt ist das böse Ende. Kunstvoll und humorvoll schraubt Viel alles ineinander, den Rückblick in die Vorahnung, die Absicht ins Scheitern, die Wut in die Resignation, und zusammen ergibt das eine Romangegenwart, die flimmert wie ein gelber, heißer Horizont. Man will sie festhalten, Romangegenwart samt großer Liebe der Protagonisten, aber beides ist so flüchtig wie ein Sonnenuntergang.

          Sonnenuntergang ist es auch, als Lise und Sam ihren Plan in die Tat umsetzen wollen und alles schiefgeht. Da zeigt sich wieder, dass Liebe nur dann wirklich groß ist, wenn sie unmöglich ist. Da in diesem Buch alles aus Liebe geschieht und alles scheitert, wird es größer, als es zunächst scheint.

          MEIKE HAUCK

          Tanguy Viel: "Unverdächtig". Roman. Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach-Verlag. 128 Seiten, 15,90 Euro

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