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: Alle Kinder sind Künstler

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Das kann ja langweilig werden, denken sich die Kinder, als Mama einen ungewöhnlichen Wunsch zu ihrem Geburtstag äußert: nach London zu fahren und einmal mit der ganzen Familie ins Museum zu gehen - in die ehrwürdige Tate Britain. Und das, obwohl an diesem Nachmittag im Fernsehen ein wichtiges Fußballspiel ...

          3 Min.

          Das kann ja langweilig werden, denken sich die Kinder, als Mama einen ungewöhnlichen Wunsch zu ihrem Geburtstag äußert: nach London zu fahren und einmal mit der ganzen Familie ins Museum zu gehen - in die ehrwürdige Tate Britain. Und das, obwohl an diesem Nachmittag im Fernsehen ein wichtiges Fußballspiel übertragen wird, das Papa und Georg, den älteren Bruder des Ich-Erzählers in Anthony Brownes "Das Formenspiel", viel mehr interessiert als irgendwelche alten Bilder an der Wand.

          Doch sollte es auch im Museum spannend zugehen. Das war vor allem Mama zu verdanken. Sie vertieft sich in all die Gemälde und ihre Symbole, entdeckt Parallelen zum eigenen Alltag und öffnet die Augen für Gleichnisse und Metaphern und ihre Bedeutung. Plötzlich wimmelt es nur so von Sinnbildern aus einer eigentlich entlegenen Bilderwelt, die - mit ein bißchen Grips - auch mehr mit der eigenen zu tun hat, als zuerst zu vermuten ist: Da geht es um das bedrohte Glück der Familie und um Bürgerkrieg, um den Ausflug in den Zoo und um Tiere, die mit einem Male leibhaftig in Erscheinung treten wie ein großer Löwe, der Papa einen ganz schönen Schrecken einjagt. Da schweigt für einen Moment sogar sein notorisch trockener Humor. Aber so geht's halt, wenn sich Phantasie und Wirklichkeit vermengen. Am Ende regt Mama jenes "Formenspiel" an, bei dem einer anfängt, irgend etwas zu zeichnen, und der nächste weitermacht - Gemeinschaftsbilder ganz wie bei den Surrealisten, die dieses Spiel liebten. Daß dieser Tag indes das Leben des Erzählers "für immer verändern" würde, scheint nach der Schilderung dieses Ausflugs vielleicht ein bißchen hoch gegriffen. Aber eines hat sich doch gezeigt: Kunst kann eine Menge Spaß machen - und das sieht die jüngere Generation unter den heutigen Künstlern schließlich auch so.

          Einen ziemlich ungewöhnlichen Fall schildern Alexander Sturgis und Lauren Child in ihrem Bilderbuch über die "Geheimsprache der Bilder" und ihren kongenialen Interpreten: Peter, ein Junge von etwa neun Jahren, geht vollkommen freiwillig allein in den Musentempel. Detektiv möchte er werden und schult sein Gespür für verborgene Zusammenhänge an der Malerei. Auf die Sprünge hilft ihm der Erzengel Gabriel aus Fra Angelicos berühmter Verkündigung in Cortona. Unerschrocken schwebt der Verkünder aus dem Bild, kommt direkt ins echte Leben hinüber und schließt sich Peterchens Rundgang durchs Museum an. Einen ganzen Reigen in der imaginären Kollektion gilt es auf den erzählerischen Kern abzuklopfen. Kunst ist allerdings, das merkt Peter schon eingangs, nicht so leicht lesbar wie ein Buch. Und doch darf der junge Meisterdetektiv ausführlich den Musterschüler herauskehren bei der Entschlüsselung der biblischen Ereignisse und der bukolischen Landschaften - bei den Bildern von Renaissance und Rokoko bis hin zum Action Painting. Die Exegese stößt erst bei der Moderne an ihre Grenzen, als der Erzengel in van Goghs "Sonnenblumen" pure Fröhlichkeit erkennt und von Pollocks "Dripping" Aufheiterung erhofft. Immerhin: So ein Museumsbesuch ist also doch ganz schön aufregend.

          Niemand erfährt das eindringlicher als die kleine Mia. An einem heißen, "schläfrig und duselig" machenden Tag verschlägt es das Mädchen mit seiner Schwester ins Museum, um vor einer blauen Monochromie von Yves Klein zu landen. Von dem ganzen "Ins-Blaue-Hineingucken" wird einem schwindelig, und wie von selbst taucht die Frage aller Fragen aus all dem tiefen Blau auf: "Aber was ist das eigentlich, Kunst?" Das Rätsel eröffnet sich im Museum für moderne Kunst in Frankfurt, mithin vor Werken, die man mit bloßem Auge als Kunst oft kaum erkennen kann: schmucklosen Dingen wie Brillo-Boxen, Suppendosen oder sogar an einem Männerpissoir. Ein Hase führt Mia durch das unbekannte Kunstuniversum, und er weiß am Ende sogar eine mögliche Antwort auf die Preisfrage: Jeder Mensch sei ein Künstler, so zitiert der Hase einen gewissen Joseph (Beuys) - für diese Vorstellung kann Mia sich begeistern. "Das bedeutet ja, daß auch ich eine Künstlerin bin!" Spricht's und malt sich mit dem nächstbesten Buntstift in einen Rausch. Der endet auf wundersame Weise, als die Schwester ruft und das Mädchen sich vor dem blauen Bild von Yves Klein wiederfindet. Herauszufinden, was Kunst ist, so hat sie der Hase gelehrt, sei eigentlich ganz einfach: "Verlaß dich nur auf dein Gefühl."

          Kein schlechter Anfang für die Kunst.

          GEORG IMDAHL

          Anthony Browne: "Das Formenspiel". Aus dem Englischen übersetzt von Peter Baumann. Lappan Verlag, Oldenburg 2003. 32 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 5 J.

          Alexander Sturgis/Lauren Child: "Peters Engel". Aus dem Englischen übersetzt von Nicola T. Stuart. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2003. 36 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 5 J.

          J. Oliver Wenniges: "Mia im Museum". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 32 S., geb., 12,50 [Euro]. Ab 4 J.

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