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Alissa Walser: Immer ich : Mein Leben! Nichts als eine Mischtechnik!

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wenn Malerinnen schreiben, tritt die Kunst von der Leinwand aufs Papier: Alissa Walser fügt mehrere verschlungene Geschichten zur Erzählung „Immer ich“ zusammen und begeistert mit vielfältigen Erzählstimmen.

          5 Min.

          Wie kommt eine Künstlerin, die einst riesige Leinwände figurlos zu bemalen liebte, zum Erzählen? Spätestens seit dem letztjährigen Erfolg ihres Romans „Am Anfang war die Nacht Musik“ um die früherblindete Pianistin Maria Theresia von Paradis und den Magnetiseur Franz Anton Mesmer hat Alissa Walser ihre eigene Wandlungsgeschichte mehrfach erzählen dürfen: wie sie nach der Rückkehr aus New York, wo sie (neben Wien) von 1981 bis 1986 Malerei studierte, das ganze Material zunehmend als Belastung empfunden habe; wie sie von Öl über Aquarell zum Filzstift, vom Großen zum Winzigen fand. Der Raum trat in den Hintergrund, die Figur dafür aufs Parkett. Bewegungen und Sätze in Sprache auszudrücken lag nah. 1992 überzeugte sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit einem Auszug aus „Dies ist nicht meine ganze Geschichte.“ Nur tauschte Alissa Walser nicht einfach Worte gegen Farbe. Vielleicht war es eher so, wie sie Nina in ihrer neuen Erzählung „Immer ich“ sagen lässt: „Vorläufig liefen wir parallel. Parallelen überzeugen mich auf Anhieb. Sie überwältigen mich. Geometrien. Symmetrien. Gleichgültig, in welcher Ausprägung - ob Vogelzug, Blüte oder Polizeikette -, ich kann mich nicht entziehen.“

          Nina ist eine der beiden weiblichen Hauptfiguren, die sich als Zentren der Erzählung ausmachen lassen. Zu Anfang ist sie kaum mehr als ein winziger Punkt ohne Namen. Zusammengeschrumpft in einer Erinnerung: wie „Onkel Uwe“ ihr das Schuhebinden beibrachte. Eine Nebenwirkung der Neigung Alissa Walsers zum Minimalistischen, die sie in ihrem letzten Roman so beherzt unterlief, jetzt aber wiederentdeckt, ist die enorme Verdichtung der Figur auf Zeilenformat. Gleich, ob sie nur einen Kurzauftritt erhält oder leitmotivisch als Identitätsschleier die Seiten durchweht - sie steht uns, epigrammatisch eingefasst, sofort greifbar vor Augen. Uwe also, „schütteres, streichholzkuppenkurzes, weißes Haar, das wie der Schaum am Strand auf seinen Speckfalten im Nacken ausläuft“. Freundlich fängt er das kippelnde, kleine Mädchen auf, das angestrengt an den Schnürsenkeln zerrt und fädelt. Und wenn es schon aufgeben will („Geht nicht“), ermuntert Onkel Uwe: „Immer ich sagen.“ Wenn es doch so einfach wäre.

          Im Grunde ganz einfach

          „Immer ich“ ist gebaut wie ein verspiegeltes Labyrinth. Man betritt eine Geschichte, landet aber plötzlich im Leben einer Figur aus einer anderen Geschichte, die wiederum ein völlig neues Licht auf die vorherige Geschichte wirft. Männer und Frauen, mit oder ohne Kind oder Kunstprojekt, selten auf Dauer liiert, eher suchend, sich begegnend und bald schon wieder melancholisch auseinanderdriftend. „Manchmal ist man zusammen und froh, oder man hält es aus, und es passiert was, und das hält man nicht aus. Und bleibt. Dann geht man. Kommt wieder. Haut ab.“ Und weil wir beim Lesen in derart verspiegelten Kammern uns selbst nicht völlig ausblenden können, schieben sich diese Fremd- und Selbstbilder permanent übereinander: mannshohe Figuren im Senkrechtformat, wie sie leichtfüßig, aber grübelnd die Orte wechseln, Galerien, Bahnhöfe, Schwimmbäder, Wohnzimmer. Oder Gesicht über Gesicht, bis wir ihr Denken hören können. „Für Mona ist ein Rätsel erst dann gelöst, wenn es zu einem nächsten Rätsel geführt hat.“ Das erklärt recht gut Konzept wie Charme dieser chimärenhaften Prosa.

          Und so fädeln auch wir rück- und vorblätternd die einzelnen Kapitel durch enge Verstehensösen und zerren eifrig die Enden zu den Anfängen: Ach, Nina war mit Victor zusammen, der jetzt mit Mona lebt? Mona hat ein Kind von Stephan? Und teilen sich nicht eigentlich Mona und Nina, die sich in der ersten New-York-Geschichte gar nicht mögen, diesen Security Guard, nur zu je anderen Zeiten? Das klingt komplizierter, als es ist. Im Grunde ist es so einfach wie Schuhebinden, nämlich im Rückblick. In den ersten Kapiteln ahnen wir nicht einmal, dass diese Männer und Frauen etwas miteinander verbindet. Für sich sind sie schon kompliziert genug. „Mein Leben! Nichts als eine Mischtechnik!“

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