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Alina Bronskys „Scherbenpark“ : Eine Zeit zum Steinewerfen

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Um die drei in ihrer Umgebung wenig beliebten Naimann-Kinder - neben der Heldin ihre jüngeren Geschwister Alissa und Anton - kümmert sich eine aus Russland herbeigeeilte Cousine Vadims. Sascha gibt sich selbstsicher als Ersatzmutter, eine Selbstlüge, welche die Handlung uns allmählich durchschauen lässt: Sie benötigt vielmehr die größte Fürsorge. Als rettende Macht tritt die Liebe in ihr Leben, auch sie allerdings subjektiv gebrochen. Nachdem sich Sascha einem Retter an den Hals geworfen hat, einem Zeitungsredakteur namens Volker Trebur, entspinnt sich ein kompliziertes und doch kindlich-graziles Dreiecksverhältnis, weil Sascha sich mit Volkers Sohn einlässt, der in ihrem Alter ist, aber eigentlich doch den alleinerziehenden Vater meint. Ganz ohne Anziehung ist Sascha auch auf diesen nicht. So nah die drei Figuren einander kommen, so sehr entzweien sie sich auch wieder; aber dieses gesamte Geschehen, das begreift der Leser so spät wie die Protagonistin, ist der seelische Heilungsprozess selbst, um den es hier geht. Auch weiterhin werden Erinnerungen an die Mutter einmontiert, aber sie gewinnen an Klarheit, sparen keine unangenehmen Details mehr aus. Und doch bricht schließlich ein Ereignis von außen in diesen Kosmos ein, ein letzter Anstoß zum Erwachsenwerden.

Saschas Entwicklung wird trotz der einfachen Sprache so glaubhaft und psychologisch avanciert vergegenwärtigt wie nur denkbar und ist zugleich ein schonungsloses und gewitztes Porträt jener Parallelwelt Aussiedlersiedlung, von der bislang viel zu wenig zu lesen war, nimmt man Wladimir Kaminers Schwänke einmal aus. Einige Seitenhandlungen hätte es nicht gebraucht: Allzu naheliegend wirkt etwa das Einflechten einer Miniaffäre mit einem anderen Volker, der sich als stereotyper NPD-Anhänger entpuppt und den Sascha nach gestilltem Verlangen ihren wenig zimperlichen russischen Bekannten ausliefert, die sie kurz zuvor noch zu vergewaltigen versucht haben.

Wunderbar dagegen die Szene, wie Sascha ihren Redakteur kennenlernt: In die Redaktion nämlich ist sie gestürmt, weil ein rührseliger Artikel über den reuigen Mörder Vadim erschienen ist, verfasst von der Volontärin Susanne Mahler (die Volker Trebur, wie sein Sohn später erzählt, kurz zuvor mit nach Hause gebracht hat). Auf der Seite war Platz - und schwupp, stand er unredigiert im Blatt. Nachher ist der Redakteur natürlich immer schlauer: "Wenn man sich dieses Themas überhaupt annimmt, darf man das so nicht schreiben. Es hätte ganz anders gemacht werden müssen, und ich fürchte, dass Frau Mahler dafür die völlig falsche Person war." Alina Bronsky aber ist die richtige Person: Sie weiß genau, wovon sie schreibt, hat auch selbst schon in einer Zeitungsredaktion gearbeitet.

Es gibt nur eine Peinlichkeit im Zusammenhang mit diesem gelungenen Debüt, das nun aber auch keinesfalls mehr ist als ein gelungenes Debüt, und das ist der Wind, den der Verlag ums himmlische Kind macht: Das unverlangt eingesandte Manuskript habe den Verlag "im Sturm erobert" und wurde "sogleich zum Spitzentitel". Mit dieser Wunderlegende wird der alte Ofen befeuert, und Gretel Bronsky täte gut daran, der in der Glut stochernden Hexe einen kleinen, märchenhaften Tritt zu verpassen, wenn es um mehr geht, als dem hungrigen Betrieb einmal schmackhaften Backfisch aufzutischen.

Alina Bronsky: "Scherbenpark". Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008. 288 S., geb., 16,95 [Euro].

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