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Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld : Wir sind durchgeknallt, aber wir schaffen das trotzdem

  • -Aktualisiert am

Bild: Kiepenheuer & Witsch

Patchworkfamilien, Engel und Superhelden: In den neuen Romanen von Alina Bronsky und Tanja Maljartschuk wird nicht lange gefackelt, sondern entschlossen zugepackt.

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          Beim Personal ihres neuen Romans hat Alina Bronsky mit tragischen Schicksalen wahrlich nicht gespart. In der ersten filmreifen Szene sitzen wir mit dem siebzehnjährigen Marek in einem, wie er es nennt, „Casting für besonders geeignete Krüppel“: ein unverschämt gutaussehender Blinder, ein Beinamputierter, ein wegen einer Antiimmunschwäche dem Tode Geweihter, dessen innere Organe sich langsam zersetzen, eine psychotische Tunte, ein Schneewittchen im Rollstuhl und eben Marek, dem ein Rottweiler das halbe Gesicht weggebissen hat, als er sich schützend vor seine Freundin stellte.

          Ein Superheld! Zahlreiche plastische Operationen führten zu mäßigem Erfolg, und so verbringt der Junge ohne Gesicht seine Tage im abgedunkelten Zimmer, den Blick starr auf sein Aquarium gerichtet. Aus Rücksicht auf seine und die Psyche seiner Mitmenschen verlässt er das Haus nur in der Dunkelheit und auch dann nur mit schützender Sonnenbrille. Die Casting-Show ist in Wahrheit eine Selbsthilfegruppe, geleitet von einem Sozialarbeiter-Guru, der, wie sich bald herausstellt, eine Mutmachdokumentation über die Behinderten drehen möchte. So was ist gerade en vogue.

          Alles kulminiert in einer wodkaseligen Beerdigungsfeier

          Da die Gesprächsrunde etwas aus dem Ruder zu laufen droht, schlägt der Guru eine Reise in die mecklenburgische Provinz vor, wo es erwartungsgemäß zu einigen traurigen und vielen komischen Zwischenfällen kommt. Zum Romanpersonal gehören ferner Mareks Mutter, eine geschiedene Scheidungsanwältin, das inzwischen mit Mareks Vater verheiratete ukrainische Ex-Au-pair Tamara, nun Stiefmutter von Marek und Mutter des kleinen Halbbruders. Während sich Marek in der brandenburgischen Provinz mit seinem blinden Nebenbuhler um die Gunst des Schneewittchens prügelt, verunglückt sein Vater in den Schweizer Alpen beim Klettern tödlich, woraufhin seine Mutter und er der hübschen, aber recht lebensuntüchtigen jungen Witwe zur Hilfe eilen.

          Alles kulminiert in einer wodkaseligen Beerdigungsfeier, bei der die überraschend hereingeschneite mehrsprachige ukrainische Stiefgroßmutter das Akkordeon spielt. Der Guru, der mit der ganzen Behindertentruppe unerwartet eingetroffen ist, wirbelt die Dramatik durch ein ungeheuerliches Zeugungsgeheimnis noch einmal gehörig durcheinander. Dennoch geht am Ende alles gut aus, nur eben anders als erwartet.

          Überdosis an schwarzem Humor

          Das alles liest sich, man ahnt es schon, flüssig weg. Geschrieben ist dieses Buch in der für Alina Bronsky typischen abgeklärt-schnoddrigen Sprache eines lebensklugen, leicht misanthropischen Teenagers, der mit einer Überdosis an schwarzem Humor ausgestattet ist, der sich aus einer ebensolchen Überdosis an Verzweiflung speist. Traurige Geschichten also für humorvolle Leser, wenn da nicht der viele Klamauk wäre. Zum Ende hin beschleicht einen das Gefühl, weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Schließlich bilden die tragikomischen Missverständnisse im Leben mit Behinderungen nur die üppige Hülle für das eigentliche Thema.

          Das ist wie schon in den beiden letzten Romanen der 1978 im damals noch sowjetischen Swerdlowsk im Ural geborenen und seit Anfang der neunziger Jahre in Deutschland lebenden Autorin die Familie. Der Tenor ist: Wir sind zwar keine Bilderbuchfamilie, sondern ein ziemlich durchgeknallter und zusammengewürfelter Haufen, aber wir schaffen das schon. Vom Mut und mit dem Humor der Verzweiflung erzählt auch die 1983 im westukrainischen Iwano-Frankiwsk geborene Tanja Maljartschuk. Im Jahr 2009 hatte sie mit einer Sammlung von grotesken Erzählungen unter dem Titel „Neunprozentiger Haushaltsessig“ auf sich aufmerksam gemacht.

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