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Alfred Neven DuMont: Reise zu Lena : Abschied des Patriarchen

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Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

Alle Erlösung ist weiblich: Der Verleger Alfred Neven DuMont veröffentlicht im Alter von einundachtzig Jahren sein beeindruckendes Romandebüt. In „Reise zu Lena“ schickt er sein Alter Ego ins Glück.

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          Wenige Jahre vor seinem Tod hat sich Pierre Bourdieu auf ein unbekanntes Terrain vorgewagt: „Die männliche Herrschaft“. Irgendwie hatte diese zwar seit der Initiation durch den Algerien-Krieg in alle seine kultursoziologischen Arbeiten hineingespielt, aber als Gegenstand hatte der Soziologe das Patriarchat bis 1998 dem Feminismus überlassen. Eine Abbitte?

          Ordnung der Geschlechter

          Immerhin ist der bis dahin vernachlässigte Unterschied zwischen den Geschlechtern alles andere als fein. Der archetypische Mann, das ist für Bourdieu der aufrecht hinter dem Pflug Schreitende, während die archetypische Frau in gebückter Haltung Saat auswirft. Hoppla, Habitus. Derart mit dem Körper verschmolzen, müsse sich männliche Herrschaft nicht mehr rechtfertigen. Bourdieu leuchtet nun dem Feminismus heim: Mit Gender-Firlefanz oder sozialem Aufruhr komme man der Quasi-Determiniertheit nicht bei. Einzig eine komplexe Kritik, die sämtliche in den institutionellen Strukturen verankerten Herrschaftseffekte mit berücksichtige, könne „zum allmählichen Untergang der männlichen Herrschaft beitragen“. Das mag stimmen – für Frankreich.

          In Köln hat nun wenige Jahre später ebenfalls ein alter Mann ein Buch vorgelegt, in dem es um die Ordnung der Geschlechter geht. Und hier steht die weibliche Herrschaft in voller Blüte. Der Protagonist ist das Patriarchat selbst, ein gebrechlicher „alter Mann“, immer wieder exemplarisch so genannt, der von weitaus vitaleren Frauen umgeben ist, die ihn umsorgen, über ihn streiten, ihn einander ausborgen, ihn anziehen, ausziehen, zu Bett bringen, über die Vergangenheit richten, über die Zukunft entscheiden. Gebrochen hat den alten Unternehmer namens Albert, der lange Zeit ganz für „die Firma“ lebte, der Tod seiner manisch-depressiven Tochter Glorie, die beim Tauchen im Meer ertrunken ist. Seinen Frieden findet Albert erst, als er sich ganz dem ihm so restlos überlegenen Geschlecht überlässt. Erlösung durch den Tod korrespondiert die Erlösung durch die Liebe – und beides, das ist die Botschaft, ist weiblich.

          Graziler Abgesang auf die Epoche

          Es ist kein Zufall, dass der Autor dieses Romans einer der letzten großen Patriarchen unserer Zeit ist, der mit harter Hand und großem Erfolg sein Imperium regierende Verleger Alfred Neven DuMont. Die Gründung des „Express“ neben dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ geht ebenso auf ihn zurück wie die Übernahmen der „Mitteldeutschen Zeitung“, der „Kölnischen Rundschau“, der „Frankfurter Rundschau“ und der „Berliner Zeitung“. Es ist erstaunlich, aber auch folgerichtig, dass ausgerechnet er diesen grazilen, ja sensiblen Abgesang auf die Epoche des virilen Unternehmertums und seines Egoismus-Überbaus verfasst hat: „Wir Männer haben immer zuerst an uns selbst gedacht, das hat sich alles geändert.“ Dieser Roman ist ein Debüt, aber mehr noch ein Abschied, der Respekt abnötigt. Hier hat jemand im Zentrum des Medienuniversums seine Aufmerksamkeit für die tatsächlich wichtigen Dinge bewahrt: eine ethische Vollbremsung.

          Eng ist das Buch an eigenen Erfahrungen entlanggeschrieben, nicht nur weil Neven DuMont darin auch den Tod seines Sohnes vor vierzehn Jahren künstlerisch verarbeitet hat: Diese Authentizität des Gefühls macht die eigentümliche Anmut des Romans aus. Keine Archetypen, die hier Felder bestellen. Noch da, wo der Autor typologisch wird – so rechnet etwa Albert zu Beginn mit Gott ab wie einst Hiob, während seine Frau Ann sich selbst anklagt –, scheint die Intimität des Geschehens stets wichtiger als seine Verallgemeinerbarkeit.

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