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Alfred Kerrs Berliner Briefe : Selbst das Fernsehen hat er vorausgeahnt

Damals war Berlin auf dem Weg zur Weltstadt: Blick auf die Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden um 1900 Bild: Ullstein

Ein Vierteljahrhundert lang hat Alfred Kerr für die „Königsberger Allgemeine“ wöchentliche Kolumnen aus der Reichshauptstadt geschrieben. Seine „Berliner Plauderbriefe“ sind eine Chronik und ein Bilderbogen ihrer Zeit.

          6 Min.

          Diese vier Bände kann man nicht einfach lesen. Man muss sich auf ihnen einschiffen wie für eine Meeresfahrt. Es gilt, den Ozean der Zeit zu überqueren – einer längst vergangenen, seit mehr als hundert Jahren abgesunkenen, doch in Bauten, Bildern und Büchern immer noch gegenwärtigen Zeit. Das Ziel der Reise ist dabei ganz unwichtig, entscheidend ist die Stimme, die uns unterwegs begleitet. Sie gehört dem größten und einflussreichsten deutschen Theaterkritiker, dem Begründer der Kritik als Kunstform: Alfred Kerr.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte, wie Kerrs Kolumnen aus der Königsberger Allgemeinen Zeitung wiederentdeckt wurden, ist selbst ein Kolumnenstoff. Anfang der neunziger Jahre fand Günther Rühle, der Herausgeber der bei Argon und Fischer erschienenen Kerr-Gesamtausgabe, bei seiner Suche nach Kerrs Berlin-Berichten für die Breslauer Zeitung im Zeitungsarchiv der British Library auch zwei Texte aus der Königsberger Allgemeinen. Die „Briefe aus der Reichshauptstadt“, die Kerr zwischen 1895 und 1900 nach Breslau geschickt hatte, erschienen 1997 in Buchform und wurden nach ihrer Vorstellung im „Literarischen Quartett“ zum Bestseller. Im selben Jahr begann die britische Literaturwissenschaftlerin Deborah Vietor-Engländer im Rahmen ihrer Arbeit an einer Biographie von Kerr mit der Recherche nach den „Plauderbriefen“, wie ihr Verfasser sie genannt hatte, an die Königsberger Leser.

          Als der erste „Plauderbrief“ erscheint, lebt Bismarck noch

          Als sie den ersten der „Plauderbriefe“ entdeckte, für den die Redaktion, wie es in einer Fußnote hieß, „Herrn A. K., einen talentvollen jüngeren Berliner Schriftsteller“, gewonnen hatte, wusste Vietor-Engländer, dass sie ein Großprojekt vor sich hatte. Der Artikel stammte vom Juni 1897; die Kolumnen, die Rühle gefunden hatte, waren von 1917 und 1919. Später stellte sich heraus, dass Kerr bis September 1922 für die Königsberger Allgemeine Zeitung geschrieben hatte – ein Vierteljahrhundert lang. In den Archiven von Olsztyn, vormals Allenstein, und Toruń (Thorn) fand Vietor-Engländer Hunderte weiterer Kolumnen. In manchen fehlten Textstücke, und einige Jahrgänge der Königsberger Allgemeinen waren unvollständig. 2016 erschien dann, unter allgemeinem Beifall, Vietor-Engländers Kerr-Biographie. Jetzt liegen endlich auch die von ihr herausgegebenen „Plauderbriefe“ vor. Es sind, wie gesagt, vier Bände. Sie enthalten 733 Texte auf knapp dreitausend Seiten.

          Dreitausend Seiten! Das ist die Gewichtsklasse der „Suche nach der verlorenen Zeit“, und einen Hauch von Proust, nicht im Stil, aber im Gestus, hat auch die Lektüre. Als der erste der wöchentlichen „Plauderbriefe“ erscheint – er handelt von einem Betrugsprozess –, ist Bismarck noch am Leben (den Kerr gleich im ersten Absatz zitiert), Deutschland hat Kolonien in Afrika und in der Südsee (davon handelt der zweite „Plauderbrief“), und fast ganz Europa wird von Kaisern, Zaren und Königen regiert. Als Kerrs letzte Kolumne gedruckt wird, steht die Ruhr-Besetzung vor der Tür, die Inflation galoppiert, in Moskau herrschen Lenins Bolschewiki, und in München bereitet ein rechter Sektierer namens Adolf Hitler seinen Putsch gegen die Weimarer Republik vor.

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